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Künstliche
Seide
Von der formbaren gelatinierten Schiessbaumwolle
ist im Laufe der letzten 25 Jahre noch eine andere grosse
Industrie ausgegangen. Die auf der Pariser Ausstellung
von 1889 vom Grafen de Chardonnet ausgestellte, aus
Baumwolle gefertigte künstliche Seide machte durch den
die natürliche übertreffenden Glanz ihrer Faser Auf
sehen. Eine Lösung von nitrierter Baumwolle oder Holz
cellulose in einem Gemisch von Alkohol und Aether hatte
er durch capillare Glaslöffnungen in Wasser gepresst,
das dem erzeugten Strahl das Lösungsmittel entzog und
ihn zu einem Faden gerinnen Hess, der von Spulen aufge
nommen wurde. Er gewann auf diese Weise Fäden,
deren Feinheit und Glanz von der Dichte der Lösung,
der Grösse der Oeffnungen, der Höhe des Pressdruckes
und der Umdrehungszahl der Spule abhing. Um dieser
gesponnenen Schiessbaumwolle die Feuergefährlichkeit
zu nehmen, denitrierte er sie durch Schwefelammonium,
wodurch der hohe Glanz der Fäden nicht beeinträchtigt
wurde.
In Deutschland wurde das Verfahren durch
F. Lehner verbessert, gleichzeitig aber fand man
andere Wege, die Baumwolle zu formen, indem man
andere Lösungsmittel der Cellulose heranzog. Durch
Auflösen in Kupferoxydammoniak gewann man die
sogenannte Kupferseide und durch die Einwirkung von
Schwefelkohlenstoff in Gegenwart von Alkali oder Kalk
die Viscoseseide. Endlich erhielt man durch Einwirkung
von Essigsäure auf Cellulose die Acetatseide. Die Kunst
seide steht der aus einem Eiweissstoff bestehenden
Naturseide an Festigkeit, Elastizität und Feinheit nach,
übertrifft sie aber an hohem Glanz, der sie für Stoffe,
bei denen es mehr auf diesen als auf die Haltbarkeit
ankommt, geeignet macht. Wenn daher auch die Seiden-