302 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.
Im ganzen schienen mit dem Thronwechsel friedliche Zeiten
zu nahen. Indes eben diese Zeit der Ruhe diente den Clunia—
censern zu der umfassendsten Ausbreitung ihrer Ansichten. In
den Vordergrund tritt hier Poppo von Stablo, der geistliche
Günstling Giselas, der frommen und abergläubischen Gemahlin
König Konrads. Von Richard von St. Vannes dem Reform—
geist gewonnen, trat der gelehrige Niederlothringer als Mönch
in das Kloster St. Vannes, reformierte von dort aus nach dem
Vorbilde seines Abtes wiederholt St. Vaast, ward Propst im
Kloster Beaulieu, das er, ein gewandter Architekt, prächtig aus⸗
baute, und endlich Abt von Stablo. Und nun begann er von
diesem Kloster der deutsch-wallonischen Grenze entlang eine
umfassende Wirksamkeit im Reiche. Seit 1023 Abt von
St. Maximim bei Trier und als solcher Kapellan der Königin,
gründete er im Jahre 1025 das salische Familienkloster Lim—
burg a. d. Hardt, reformierte darauf die alten Reichsabteien
Echternach im Luxemburgischen, St. Ghislain im Sprengel von
Cambray, Hersfeld, Weißenburg und St. Gallen, und ver—
breitete das cluniacensische Leben in einer Fülle von anderen
Klöstern im Gebiete des Rheinstroms. Denn hier vor allem
war er zu Hause; hier zeugt noch heute eine Reihe prächtiger
Abteikirchen von seiner gleich rastlosen künstlerischen Thätigkeit.
Neben ihm aber durchwehte jetzt überall am Rheine, wenn auch
vornehmlich in den Landschaften des linken Ufers, cluniacen—
sischer Geist die Zustände der älteren heimischen Reform, und
die Grenzbistümer des Reiches, Metz, Toul, Verdun, Cambray,
sielen ihm besonders zum Opfer.
Und schon beschränkte sich das neue Leben nicht mehr bloß
auf die Kirche und kirchlich gesinnte Laien; es begann die
gesamte überhaupt von allgemeineren Interessen bewegte Be—
völkerung zu ergreifen.
Liest man die nationalsten unserer Geschichtsschreiber dieser
Zeit, einen Thietmar oder Wipo, so fällt auf, daß die von
ihnen geschilderte Laienwelt von keinem großen Ideal bestimmter
Lebensanschauung mehr getragen erscheint, außer vom kirch⸗
lichen: längst war das alte germanische Lebensideal zersetzt,