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I. Abschnitt.
sondern auch auf die Methode, nach der Fragen wirtschaftlichen In
halts auch sonst in länderkundlichen Büchern erörtert werden. Die
ihr eigene Methode aber ergibt sich am ehesten aus der Begründung
der wahrhaft geographischen Forschungsweise überhaupt.
Die Erdkunde ist eine Wissenschaft vom Baume.
Sie untersucht die Abhängigkeit der einzelnen Er
scheinungen auf unserem Planeten und ihrer Gesamt
heit vom Baume und von den räumlich bedingten Ge
setzen der Natur. Die Fragen, die zu beantworten sie über
nimmt, können deshalb erst dann unzweideutig gelöst werden, wenn
wir diese Gesetze in all ihren mannigfachen Aeußerungen hinreichend
kennen. Mit der Feststellung und Erforschung dieser räumlich
bedingten Naturgesetze beschäftigt sich die sogenannte „All
gemeine Erdkunde“ und wir verstehen nun, warum die Beschäftigung
mit dieser heute noch die meisten wissenschaftlichen Geographen in
erster Linie beansprucht. Erst seit zwei Menschenaltern hat uns ja
der Fortschritt der Naturwissenschaften in die Lage versetzt, wenigstens
die großen Linien des natürlichen Geschehens auf unserer Erde fest
zulegen und den Schleier, der über der klimatischen, der hydro
graphischen, der pflanzlichen, tierischen und sonstigen Erscheinungs
welt ruhte, mehr und mehr zu lüften. Erst jetzt ist unsere Wissen
schaft somit in der Lage, die Wirkung all dieser Dinge und ihres
inneren Zusammenhanges auf das Leben des höchsten Erdbewohners
mit einiger Sicherheit zu erkennen; erst jetzt kann man also eigent
lich an wirtschaftsgeographische Untersuchungen mit dem Vertrauen
herantreten, das dieser neue und wichtige Zweig der Erdkunde für
seine Arbeit beanspruchen muß, wenn er mit ihren Ergebnissen der
Gesamtheit dienen will.
Beispiel: Nationalökonomie und Geographie unserer Zeit kennen beide ein
Bevölkerungsproblem. Aber die Staatswissenschaft behandelt diese höchst bedeutsame
Frage wesentlich in ihrer Abhängigkeit vom Willen und von bewußten und un
bewußten Strebungen der einzelnen Völker (z. B. Geburteneinschränkung in Frank
reich und neuerdings auch in deutschen Kreisen). Die wirtschaftliche Erkunde da
gegen geht an die Frage der Volksmenge von ganz anderen Gesichtspunkten heran.
Sie untersucht im einen Falle die Möglichkeit der Volksvermehrung auf Grund der
Erzeugung von Nährstoffen und Gütern aller Art, etwa bei der Behandlung der
Bewohnbarkeit eines bestimmten Erdgebietes. Im anderen, der uns namentlich bei
der Beschäftigung mit Afrika interessiert, sieht sie sich abermals vor eine solche
gestellt, die für unsere Weltstellung nicht unwichtig ist. In diesem Falle handelt
es sich um die Erörterung der Frage, ob es uns gelingen wird, Dauersiedelungen
von Nordeuropäern in den Tropen ms Leben zu rufen. Kein Willensakt des Gesetz
gebers, kein noch so eifriges Ebnen der Wege, die die Niederlassung im äquatorialen
Afrika durch Erleichterungen volkswirtschaftlicher Art ermöglichen (billige Fracht
sätze, günstige Bahntarife, Bevorzugung weißer Ansiedler in rechtlicher und pekuniärer
Beziehung usw.) vermag sie in uns günstigem Sinne zu lösen. Für den geographischen
Beurteiler entscheidet hier einzig und allein die Natur. Vermag der Körper des
Nordeuropäers sich ohne tiefgreifende physiologische Aenderungen dem Klima jener
Striche anzupassen, so ist sie zugunsten der weißen Kolonisten zu bejahen. Der
Wirtschaftsgeographie erwächst also in diesem Falle die Aufgabe, festzustellen, in
welchen Landschaften die vom Physiologen und Arzt gestellten Bedingungen am
ausgiebigsten erfüllt sind.
Aus dem Vorstehenden ergibt sich ohne weiteres, daß das Urteil
der Wirtschaftsgeographie über Wert oder Unwert bestimmter Gebiete,
eben weil sie mit Wirkungen der Landesnatur rechnet, Anspruch auf
eine nach menschlichem Ermessen sehr lange Dauer besitzt. Da
menschliche Einrichtungen, da ferner Sitten und Gewohnheiten in