Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

80

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

schiedenen  Stellen  seines  Werkes  erscheint  es  als  das  einzige  Mittel,
das  eine  Nation  besitzt,  um  ihren  Reichtum  zu  vergrößern.  „Die  Industrie
der  Nation  kann  sich  nur  in  dem  Maße  vermehren,  als  ihr  Kapital  zunimmt“
sagt  Smith,  und  „ihr  Kapital  kann  nur  in  dem  Maße  zunehmen,  als  nach
und  nach  etwas  von  ihrem  Einkommen  erspart  wird“ 1 ),  mit  anderen
Worten:  das  Kapital  begrenzt  die  Industrie 2 );  ein  Satz,  der  klassisch
werden  sollte,  und  den  die  Ökonomen,  bis  auf  Mall,  Smith  nachsprechen.
So  ist  das  Kapital  der  wirkliche  Herrscher  des  volkswirtschaftlichen
Lebens.  Gemäß  seines  Steigens  oder  seines  Sinkens  bahnt  es  der  Arbeit
alle  Wege  oder  legt  sein  Veto  gegen  jede  Verbesserung  ein.  Selbstherrlich
befruchtet  es  die  Erde  und  die  Arbeit  des  Menschen,  oder  läßt  sie  wüste
liegen.
Man  kann  die  überwiegende  Rolle,  die  Smith  dem  Kapital  zuspricht,
bestreiten,  und  das  ist  geschehen.  Auf  jeden  Fall  ist  es  recht  merkwürdig,
daß  er  am  Anfang  die  Arbeit  als  die  Grundursache  des  Reichtums  zeigt,
um  sie  nachher  dem  Kapital  unterzuordnen.  Hier  ist  aber  nicht  der  Ort,
erledigte  Streitfragen  wieder  aufzurollen 3 ).  Hier  kommt  es  uns  darauf
an,  festzustellen,  daß  A.  Smith  in  der  Ansammlung  von  Kapitalien  einen
neuen  Beweis  für  die  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen
findet.  Wenn  sich  das  Kapital  ansammelt,  so  geschieht  das  tatsächlich
nicht  infolge  der  kollektiven  Voraussicht  der  Gesellschaft,  sondern  infolg e
der  gleichzeitigen  und  zusammenwirkenden  Tätigkeit  von  Tausenden  von
Individuen,  die,  beseelt  von  dem  elementaren  Wunsche,  ihre  Lage  zu  verbessern, ­
  selbständig  zum  Sparen  und  zur  produktiven  Verwendung  ihres
Ersparten  angehalten  werden 4  * ).
„Der  Grund,  welcher  zum  Sparen  treibt,  ist  das  Verlangen,  seine
Lage  zu  verbessern,  ein  Verlangen,  welches  zwar  gewöhnlich  ruhig  und
leidenschaftslos  ist,  aber  uns  auch  von  der  Wiege  an  begleitet  und  bis  zum
Tode  nicht  wieder  verläßt....  Das  Mittel,  durch  das  die  meisten  Menschen

1)  Völkerreichtum  II,  S.  18,  B.  IV,  Kap.  II.
2 )  „Der  allgemeine  Gewerbefleiß  der  Nation  kann  niemals  weiter  gehen,  als  da*
Kapital  der  Nation  reicht“,  II,  S.  15,  B.  IV,  Kap.  II,  wofür  Stuart  Mill  die  kur* 6  *  *  *
Formel,  „das  Kapital  begrenzt  die  Industrie“  geprägt  hat.
a )  Wir  schreiben  „erledigte“  —  denn  die  heutigen  Nationalökonomen  sind  s* c ®
ungefähr  darüber  einig,  daß  bei  einer  Anerkennung  des  notwendigen  Zusam® eI1 '
wirkens  von  Kapital,  Arbeit  und  Naturkräften  in  der  Gütererzeugung,  diese  Güte 1 '
erzeugung  von  der  vorhandenen  Menge  aller  dieser  Faktoren,  nicht  eines  einzig® 11 ’
abhängt.
*)  A.  Smith  hat  den  Sozialisten  (Rodbertus,  Lassalle)  im  voraus  geantwort®  <
die  nicht  im  Sparen,  sondern  in  der  Arbeit  die  Quelle  des  Kapitals  sehen,  indem  el
schreibt:  „Sparsamkeit,  nicht  Fleiß,  ist  die  unmittelbare  Ursache  der  Kapital’.' 1 ; 1
mehrung.  Der  Fleiß  schafft  zwar  die  Sachen  herbei,  welche  die  Sparsamkeit  aufhäuh’
aber  so  viel  der  Fleiß  auch  erwürbe,  so  würde  doch,  wenn  die  Sparsamkeit  es  nie 1 *
zurücklegte  und  sammelte,  das  Kapital  niemals  größer  werden.“  Völkerreichtum  ’
S.  198,  B.  II,  Kap.  III.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.