Vorwort des Herausgebers.
XV
Werk, so lesenswert es noch heute ist, ist in zwiefacher Hinsicht allzu ein
seitig, um dem Bedürfnis der jungen Generation zu entsprechen.
Erstens nämlich beschränkt es sich ex professo auf die „bürgerliche“
Wissenschaft. In der mir vorhegenden englischen Ausgabe von 1888 fehlen
die Namen St. Simon, Fourier, Owen, Rodbertüs, Proüdhon, Marx,
um von geringeren Autoren nicht zu sprechen im Index und werden,
soweit ich sehen kann, nur ein einziges Mal (p. 209) erwähnt, um die etwas
allgemeine Mitteilung zu machen, daß die sozialistische Theorie auf den
deutschen Staatssozialismus starken Einfluß gehabt hat 1 ). Das ist heute
nicht mehr zulässig. Man kann die bürgerliche Theorie in ihrer Entwick
lung nicht verstehen, ohne die sozialistische genau zu kennen, und vice
versa. Sie bilden eine lebendige historische Einheit, die man nicht aus
einander reißen kann, ohne ihr Verständnis unmöglich zu machen; ihre
Wirkung und Gegenwirkung, der Kampf ihrer Ziele, Wertungen und
Gedanken ist recht eigentlich die Geschichte der Ökonomik, wenigstens
von dem Augenblick an, wo der moderne Kapitalismus entstand — und
diese Zeit ist es gerade, die uns vor allem Anderen interessiert.
Wenn Ingram das nicht beherzigt, so liegt das an der zweiten Ein
seitigkeit, auf die wir verwiesen. Da es sich liier um eine Feststellung
handelt, die auch für die meisten anderen angeführten Autoren mehr oder
weniger zutrifft, sei es gestattet, ein wenig ausführlicher darauf einzugehen.
Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Weisen, die Geschichte der
nationalökonomischen Doktrinen darzustellen. Die eine legt den Ton
auf das Wort „Geschichte“, die andere auf das Wort „Doktrinen“. Jene
ist vorwiegend historisch, diese dogmenkritisch orientiert und
interessiert. Jene bemüht sich vor Allenz die Entstehung der verschiedenen
Doktrinen aus ihrem sozialen und ökonomischen Milieu oder auch aus dem
Charakter und Bildungsgang ihrer Schöpfer zu verstehen (legt, nebenbei
bemerkt, aus diesem Grunde sehr großen Wert auf die Feststellung von
Prioritäten, auf „Ausgrabungen“ und „Rettungen“), und begnügt sich im
Wesentlichen mit möglichst genauer Darstellung, Schilderung und Be
schreibung der einzelnen Theorien, ihres Auf- und Abstiegs, ihres gedank
lichen Inhalts.
Die zweite Auffassung interessiert sich vor Allem für die Dogmen
als solche, für ihre dialektische Selbstentfaltung, für ihre Kämpfe; sie hat
vorwiegend logische Interessen, bemüht sich um die Beweise und Gegen
beweise ihrer logischen Form nach, kurz ist mehr kritisch als historisch.
Ihr ist es im Grunde gleichgültig, auf welchen Autor ein Theorem zurück
zuführen ist, weil ihr das Theorem an sich bedeutsam ist.
Eine solche dogmenkritische Auffassung mußte Ingram — und das
i) In der deutschen Auflage von 1905 stehen sie zwar im Index, werden aber
auch nur ein einziges Mal an der korrespondierenden Stelle (p. 267) erwähnt.