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Zweiter Teil. Landet. II. Der Lande! im allgemeinen.
setzen liegenden Ideen den deutschen Kaufmann hindern werden, in der Weise, wie er
es gern möchte, teilzunehmen an der Lösung der großen Aufgaben, welche der deutschen
Nation gestellt sind.
Ich benutze diese Gelegenheit, um etwas zu wiederholen, was in unseren Be
ratungen schon oft betont ist, und was, weil es wirklich unsere wahre Gesinnung ist,
nochmals wieder gesagt werden möge. Mit nichten steht der Landelsstand in irgend
einer Weise dem landwirtschaftlichen Gewerbe feindlich gegenüber; im Gegenteil, wir
haben das innigste Interesse, nicht nur, weil es unsere Mitbürger sind, sondern das
innigste, uns selbst fühlbare, wirtschaftliche Interesse daran, daß die Landwirtschaft ge
deihe und blühe. Lier, bei uns, wird es niemand tadeln, sondern befürworten, wenn
die Landesregierungen in Deutschland ernstlich bestrebt sind, dem landwirtschaftlichen
Betrieb aufzuhelfen. Wenn hierfür Staatsmittel in erheblichem Maße zur Verbesserung
der landwirtschaftlichen Methoden, zur Verbesserung der Verbindungswege, zu Melio
rationen, zur Verbesserung der landwirtschaftlichen LInterrichtsanstalten und ähnlichen
Dingen verwandt werden, dann werden wir wahrhaftig nicht scheel dazu sehen, sondern
das ganz in der Ordnung finden. Aber dagegen müssen wir uns immer und immer
wieder verwahren, daß Lande!, Industrie und das landwirtschaftliche Gewerbe feindliche
Brüder seien. Nein! wir sind durchaus Früchte desselben Stammes; wir wissen sehr
gut, daß, wenn der eine Zweig verdorrt, die anderen auch darunter mitleiden.
8. Zeit- und Streitfragen.
Von Exzellenz Möller.
Lrz. Möller, Rede, gehalten am <*. IlTat 1903 in der Handelskammer zu Magdeburg. In:
lhandel und Gewerbe. Zeitschrift für die zur Vertretung von Handel und Gewerbe gesetzlich be
rufenen Körperschaften, Herausgegeben von Soetbeer. ;o. Jahrgang. Berlin, Karl Heymann.
IA05. S. 507—508.
Ich halte es iticht nur für ineine Pflicht, in einem Zeitalter gesteigerten Verkehrs
die Landelskammern aller bedeutenderen Bezirke tunlichst kennen zu lernen, sondern
es ist mir, der ich als Ihr früherer Standesgenosse in dieses Amt berufen worden bin,
auch eine besondere Freude, Sie zu begrüßen, und ich erkenne es als meine Pflicht
an, Ihnen zu beweisen, daß auch Kaufleute derartige Ämter wohl bekleiden können. . . .
Die Kämpfe der materiellen Interessen zwingen uns, jetzt daran zu denken, daß
auch weitere kaufmännische gebildete Kreise sich dazu entschließen, ins öffentliche
Leben einzutreten. Das ist nicht leicht; es gehört nicht bloß guter Wille dazu, auf
einem solchen Gebiete wirksam zu sein, sondern eine Summe von volkswirtschaftlichen
und sonstigen Kenntnissen, die man sich erst durch ein eifriges Sttidium erwerben kann.
Ich habe schon an anderen Orten zum Ausdruck gebracht, daß ich hoffe und wünsche,
daß es sich die jüngeren Söhne wohlhabender Familien zur Pflicht machen, sich eine
andere Bildung in öffentlichen Angelegenheiten anzueignen, als es dem hart arbeitenden
Manne möglich ist, wie es sich auch in England die jüngeren Söhne wohlhabender
Familien zur Ehre anrechnen, vorwiegend im öffentlichen Leben zu arbeiten. Dabei
möchte ich nicht vermissen, daß die jungen Leute auch im praktischen Leben stehen. Nur
wer im eigenen Leben, im eigenen Berufe, den Wert der Arbeit erfahren hat, hat
wirkliche volle Kenntnis dessen, was uns not tut.
Daher bin ich auch nur in beschränkter Weise Freund der kaufmännischen
Lochschulen gewesen, und ich möchte auch nicht, daß kaufmännische Lochschulen unter