Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 247
— Wenn wir sie auch nicht unter die Assozialisten einreihen, so haben
sie doch in gleicher Weise, wie nur irgendein anderer, die „Assoziation“
als die höchste Form der produktiven Organisation verlangt. — Sie haben
sogar den Gebrauch vorausgesehen, den die Sozialisten von der Renten
theorie machen sollten. Noch vor Henry George sprechen sie an einer
merkwürdigen Stelle von „dem Gebrauch, den man eines Tages von den
Theorien Malthus’ und Ricardo’s über die Rente machen werde“, indem
man „den Mehrertrag der guten über die schlechten Felder“, den „allge
meinen Bedürfnissen der neuen Gesellschaft überweisen wird 1 ). Man
findet bei ihnen noch andere Pläne, die nichts spezifisch Sozialistisches
an sich haben. So wird, so weit wir wissen, der Gedanke der Gewinn
beteiligung zum erstenmal in einem Aufsatz des Producteur ent
wickelt 2 ).
Je mehr man in der Doctrine de Saint-Simon liest, um so mehr
wird man von diesen bemerkenswerten Voraussichten betroffen und von
dem ungerechten Vergessen, dem dies Werk trotz allem anheim gefallen
ist. Schon Engels, der Freund Marx’, hatte bei Saint-Simon „eine
geniale Weite des Blicks entdeckt, vermöge deren fast alle nicht streng
ökonomischen Gedanken der späteren Sozialisten bei ihm im Keim ent
halten sind . . ,“ 3 ) Die „streng ökonomischen Gedanken“, von denen
Engels spricht, und die Saint-Simon bedauerlicherweise nicht gekannt
hat, bezieht sich auf die marxistische Theorie des Mehrwertes. In unseren
Augen ist es aber weniger ein Fehler als vielmehr ein Verdienst, den
Sozialismus nicht auf eine so irrtümliche Werttheorie, sondern vielmehr
auf seinen wirklichen Boden, der vor allen Dingen soziologisch ist, gegründet
zu haben.
Bei den Saint-Simonisten findet man nicht nur neue Formeln; man
entdeckt bei ihnen schon all die großen Gegensätze der Gesichtspunkte,
um die im Laufe des 19. Jahrhunderts die Sozialisten und die National
ökonomen ihre Kämpfe ausfechten, Gegensätze, die so tiefgehend sind,
daß sie sie oft daran verhindern, sich zu verstehen, und auf Grund derer,
sie sich gegenseitig so verkennen, als ob sie zwei verschiedene Sprachen
gebrauchten. Wir werden versuchen, sie zu definieren, um, wenn irgend
möglich, den Leser in dem Wirrwarr der Lehren zu orientieren, im Augen
blick, in dem sich die Wegteilung zwischen den beiden großen Richtungen
des wirtschaftlichen Denkens vollzieht.
. qtoilp in der sie sich darüber be-
l ) Doctrine, S. 226. Vgl- auf Seite 223 ein e ’ ehenden Untersuchungen
klagen, daß Ricardo und Malthus auf Hrun ” r ß mn dbesitzes schließen,
über das Pachtwesen“ auf die Berechtigung de B ouvri&re“ und findet sich
*) Der Aufsatz trägt als Überschrift: „De la da
hn IV. Band des Producteur. Siehe im bes TTmwä i zun g der Wissenschaft,
*) F. Engels: Herrn Eugen Dührmg’s Umwälzung
H- Aull., S. 229.