Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Kapitel I. Die Physiokraten. 
sessen habe; jedenfalls verfügte keiner von ihnen, auch Tukgot nicht, 
über jene geistreiche und witzige Verstandesschärfe, die doch gerade 
jener Epoche ihren besonderen Stempel aufgedrückt hat. Sie waren 
ernsthafte, fast würdevolle Sektierer, etwas langweilig und ermüdend 
in ihrer Art, stets von den „Tatsachen“ zu sprechen, gerade als ob 
sie die Alleininhaber der göttlichen Weisheit wären; daher wurden 
sie viel verspottet, auch von Voltaire. 1 ) Trotzdem aber genossen 
sie große Achtung bei allen Zeitgenossen von Bedeutung, bei Staats 
männern und Gesandten. Sie hatten sogar eine ganze Hörerschaft 
von Fürsten: den Markgrafen (Karl Friedrich) von Baden, der ihr 
System in seinen Staaten zur Anwendung zu bringen suchte^ den 
Großherzog Leopold von Toskana, den Kaiser Joseph II. von Öster 
reich, Katharina die Große von Kußland, den König Stanislaus von 
Polen, König Gustav III. von Schweden, und was mehr überrascht, 
sogar die schönen Damen am Hof von Versailles liehen ihnen ein 
aufmerksames Ohr. Sie waren mit einem Wort „Mode“, weit mehr, 
Kürst zu sein, und sich mit physiokratischen Versuchen in einigen Dörfern seines 
kleinen Landes die Zeit vertrieb. 
Noch haben wir den sowohl durch sein Talent wie durch seine hohe Stellung- 
berühmtesten Schüler der Schule, Turgot (1726—1781), nicht erwähnt. Denn wenn 
er auch gewöhnlich der physiokratischen Schule zugezählt wird, und hierzu ist in 
der Übereinstimmung der wesentlichsten Gedanken eine genügende Berechtigung 
vorhanden, so nimmt er doch, wie wir sehen werden, in vielen Hinsichten einen be 
sonderen Platz ein, der ihn mehr Adam Smith nähert. Auch begann er noch vor 
den Physiokraten über politische Ökonomie zu schreiben. 
Seine Abhandlung über das Papiergeld datiert von 1748, als er erst 22 Jahre 
alt war, aber sein bedeutendstes Werk: ,.Reflexions sur la formation et la 
distrihution des richesses“ (Betrachtungen über die Bildung und Verteilung 
des Reichtums) erschien im Jahre 1766. Als Intendant von Limoges, wo er 13 Jahre 
hindurch diese Stellung bekleidete, und später als Minister unter Ludwig XVI hatte 
er die nötige Macht in den Händen, um seine Ideen von der ökonomischen Freiheit 
zu verwirklichen, was er auch durch seine berühmten Erlasse über die Aufhebung 
der Getreidezölle zwischen den Provinzen und die Abschaffung der Meisterschaften 
und Zünfte tat. 
Im Unterschied zu den anderen Physiokraten, die nur auf Dr. Quesnay schwören, 
scheint Tubgot der Schüler eines Großkaufmanns, des späteren Handelsministers (Inten 
dant du commerce), Vincent de Goubnay, gewesen zu sein. Von ihm, der im Jahre 1769, 
erst 47 Jahre alt, starb, wissen wir beinahe nichts außer dem, was Turgot in seinem 
ihm gewidmeten Nachrufe sagt (vgl. Schelm: Vincent de Gonrnay, 1897). 
Werke über die Lehre der Physiokraten sind in beträchtlicher Anzahl vorhanden 
und zwar sowohl in französischer, wie in anderen Sprachen. In dem großen, zwei 
Bände umfassenden Buch von Weulerssb: „Le mouvement physiocratique 
en France de 1756 4 1770“ findet man sie eingehend behandelt. Dieses Buch 
erschien 1910 und ist sowohl die neueste, wie auch die ausführlichste Darlegung 
dieser Lehre. Wir verweisen außerdem noch auf eine gedrängte, aber gehaltvolle 
Zusammenfassung dieser Lehre in englischer Sprache, die Higgs 1897 unter dem 
Titel: Six lectures on the Physiocrats“ herausgegeben hat. 
*) Besonders in seinem berühmten Pamphlet: Der Mann mit den vierzig 
Talern (L’homme auxquarante eens).
	        
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