Kapitel I. Die Physiokraten. 7
Diese rein negative Definition genügt aber nicht, denn sie ge
stattet noch verschiedene andere Auslegungen. Zunächst würde man
die natürliche Ordnung im Sinn des Naturzustandes nehmen
können, um sie dem Zustand der Zivilisation, der dann ein künst
licher wäre, gegenüber zu stellen. In diesem Sinne würde der Mensch
um die natürliche Ordnung zu finden, zu seinem Anfangszustande
zurückkehren müssen.
Diese Auslegung würde sich nicht nur auf gewisse Stellen in
den physiok.ratischen Werken y ) stützen können, sondern auch auf
jene, am Ende des 18. Jahrhunderts sehr starke, geistige Strömung,
scheint die soziale Ordnung die Lösung einer mathematischen Aufgabe zu sein: Er
stellt sie nämlich hin, als ob sie gewissen komplizierten Voraussetzungen genügen
Müsse, die er wie folgt formuliert: „Eine Assoziatiousform finden, die die Person und
das Besitztum eines jeden Gesellschafters schützt und auf Grund derer ein jeder,
mit allen vereint, doch nur sich selbst gehorcht und ebenso frei, wie vorher, bleibt.“
Nichts liegt der Auffassung der Physiokraten ferner: für sie gibt es nichts, das zu
schaffen oder zu finden wäre. Die natürliche Ordnung ist „selbstverständlich“.
Allerdings glaubte Rousseau trotzdem an eine natürliche Ordnung, an die
Stimme der Natur, an die angeborene Güte des Menschen usw. „Die ewigen Gesetze
der Natur und der Ordnung bestehen. Dem Weisen dienen sie an Stelle positiver
Gesetzes Vorschriften; das Gewissen und die Vernunft haben sie ihm ins Herz ge
schrieben“ (Emile, V.). Genan die gleiche Sprache führen die Physiokraten. Es
besteht aber der große Unterschied, daß nach Rousseau der natürliche Zustand durch
die gesellschaftlichen Einrichtungen (besonders die der Politik, zu denen er auch das
Eigentum rechnet, unmöglich geworden ist, und daß es sich darum handelt, dem
Volke den Gegenwert dessen, was es verloren hat, zurückzugeben. — Dies ist der
Zweckgedanke des Contrat social: — Eür die Physiokraten dagegen sind die gesell
schaftlichen Einrichtungen, darunter ganz besonders das Eigentum, nur eine spontane
Entfaltung der natürlichen Ordnung, die allerdings durch die gewalttätige Handlungs
weise der Regierungen zur Unnatur geworden ist, Sobald aber diese Einmischung
aufhört, würde auch die natürliche Ordnung wieder ihren normalen Entwicklungs
gang gehen, wie ein Baum, von den Hemmungen, die ihn gebeugt, befreit, sich
wieder au flüchtet. . ,.
Ein Hauptunterschied ist sodann, daß für die Physiokraten die Begriffe Eigen
nutz und Pflicht sich decken, da das Individuum beim Verfolgen seines eigenen
Nutzens das Wohl aller verwirklicht, während für Rousseau Eigennutz und Pflicht
antagonistisch sind, die Pflicht den Eigennutz unterdrücken muß: „Das persönliche
Interesse steht stets im umgekehrten Verhältnisse zur Pflicht und steigert sich im
gleichen Maße wie die Vergesellschaftung enger, und die Verpflichtungen weniger
heilig werden“ (Contrat social II, Kap. 3). Er will damit sagen, daß der Eigen- -
nutz in der Familie oder der Korporation stärker als im Vaterlands verbände ist.
ü „Es gibt eine natürliche Gesellschaft, die jeder Übereinkunft zwischen den
Menschen vorausgegangen ist . . . Diese selbstverständlichen Grundsätze der voll
kommensten Gesellsobaftsbildung drängen sich von selbst dem Menschen auf; ich
meine dabei nicht nur den gebildeten und wissensdurstigen Menschen, sondern auch
den einfachen wilden Menschen, so wie er aus den Händen der Natur kommt“
(Dupont I, S. 341, 24).
Ebenso -scheinen einige Physiokraten nicht weit von dem Glauben entfernt ge
wesen zu sein, daß diese natürliche Ordnung wirklich in der Vergangenheit bestanden