270 V. Die Motive der Zunftbildung im deutschen Mittelalter.
in ihrer klassischen Zeit, vor dem Aufkommen der deutschen
Stadtverfassung, nachweislich vom sreien Markt kaufen.
Wir stellen also fest, daß auf deutschem Boden seit der Römer-
zeit ein selbständiges Handwerk bestanden hat, durchdie Berührung
mit der römischen Kultur hervorgebracht, aber nicht bloß durch
sie. Dieses entwickelt sich, troß der Störung durch die Unruhen
der Völkerwanderung, weiter, indem die alten Römerplätze
bei Verlust der Stadtverfassung die Bedeutung von Stätten
gewerblicher Tätigkeit behielten und auf dem Land vielfach
eine Lockerung der gewerblichen Produktion von der konsumieren-
den Familie eintrat. In beträchtlicher Gestalt wird es uns in
der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts Jichtbar, in derselben
Zeit, in der nun auch die Anfänge einer neuen, der mittelalter-
lichen Stadtverfassung erscheinen. Für die gleichen Jahrzehnte
darf man ferner das Aufkommen von Zünften annehmen!),
deren Existenz zugleich den Beweis liefert, daß die Gewerbe-
treibenden zahlreich geworden sind und darum einer Organisa-
tion bedürfen.
Wer sich von dem Gedanken an den grundherrlichen Ursprung
des Handwerks nicht losmachen will, der mag, um es noch-
mals zu sagen, allenfalls zwischen dem Ursprung des städtischen
Handwerks und dem des Handwerks überhaupt unterscheiden
und diesem die Herkunft aus der Grundherrschaft zusprechen.
Für das städtische ist eine solch jedenfalls durch die Anknüpfung
an die alten Römerplätze ausgeschlossen. Aber es wird eben der
grundherrliche Ursprung des Handwerks überhaupt abzulehnen
sein.
1) Aus dem Jahr 1099 liegt eine Urkunde vor, die sich auf die
Weber aus Mainz bezieht. Ob sie als eine Zunfturkunde anzusehen
ist (wofür ich eintreten möchte), darüber wird gestritten. Unsere An-
nahme, daß die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts schon Zünfte (so
in Köln) gekannt hat, stütt sich aber nicht bloß auf die Urk. von 1099,
sondern auf Rückschlüsse aus nachweisbaren Verhältnissen des 12.
Jahrhunderts. Val. dazu weiteres unten.