Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 299
3. Und auch dann ist der Schutzzoll nur gerechtfertigt „solange,
bis die Manufaktur zureichend erstarkt ist, um die fremde Konkurrenz
nicht mehr fürchten zu dürfen, und von da an darf der Schutzzoll „nur
insoweit“ angewendet werden, als nötig ist, um die inländische Manufakturkraft
in ihren Wurzeln zu beschützen“ 1 ).
4. Schließlich darf sich der Schutzzoll niemals auf die Landwirtschaft
erstrecken. Die Gründe hierfür sind, daß auf der einen Seite der Wohlstand
der Landwirtschaft in hohem Maße von dem Fortschritte der Fabriken
abhängt. Der Schutz der Fabriken nützt indirekt der Landwirtschaft,
während die Preiserhöhung der Rohstoffe und Lebensmittel der Industrie
schaden würde. Weiterhin besteht eine natürliche und besonders vorteilhafte
Scheidung der Bodenkulturen zwischen den verschiedenen Ländern,
eine Scheidung, die mit den ursprünglichen Eigenschaften ihres Bodens
zusammenhängt, und die der Schutzzoll nur stören kann. Diese natürlichen
Unterschiede bestehen aber nicht für die Fabriken, „für die alle
Nationen der gemäßigten Zonen . . . gleichmäßig befähigt sind“ 2 ).
Man würde jedoch einige Mühe haben, diesen plötzlichen Umschwung
List’s zugunsten des landwirtschaftlichen Freihandels zu verstehen, wenn
man sich nicht vor Augen hielte (wie dies bei vielen anderen Punkten
seines Systems notwendig ist), daß er stets nur an die besondere Lage
Deutschlands denkt. Damals war Deutschland ein Getreideausfuhrland
und litt daher unter den englischen Getreidezöllen. Der deutsche Landwirt
brauchte keinen Schutz, sondern Absatzgebiete; List würde glücklich
gewesen sein, wenn er England zur Abschaffung seiner „Corn-Laws“ hätte
bereden können. 1879, mit dem Tage, an dem die Landwirte sich durch
‘Ile fremde Konkurrenz bedroht glaubten, ist der landwirtschaftliche
Schutzzoll in Deutschland von Neuem auf geblüht.
für die Unmöglichkeit, in der sich die Fabrikanten eines neuen Landes befinden, aus
C'genen Kräften und ohne Schutzzölle gegen die Konkurrenz der Länder mit alter
Industrie zu kämpfen. Dieses Argument ist in den letzten Jahren am häufigsten von
den englischen Schutzzöllnern angewendet worden, um sich gegen die amerikanische
Industrie, und seit dem Kriege von allen Völkern, gegenüber der deutschen Konkurrenz,
Zu verteidigen! Was würde List zu dieser Umkehrung der Dinge sagen ? ^
l ) Nat. Syst. S. 261, Cotta. Ausg. 1841 und im ganzen XVI Kap. (Buch 11),
wo er unter anderem, auf Seite431 sagt: „Es wäre fehlerhaft, wenn Frankreich, naclie
m seine Manufakturkraft zureichend erstarkt ist, nicht nach und nach zum gemäßigten
Schutzzoll überginge, wenn es nicht durch Zulassung einer beschränkten Konkurrenz
Seine Manufakturisten zur Nacheiferung anzuspornen trachten wurde.
...^ *) Nat. Syst. S. 304 und besonders auf S. 306 u. f. (Cotta. Ausg. 1841) wo er
Plötzlich die Taktik wechselt und alle die Argumente, die die Freihändler auf die Geilheit
der Produkte anwenden, für sich zugunsten des landwirtschaftlichen Freihandels
in Anspruch nimmt. Vgl. auch S. 460 (Ausg. IIausseh), wo er schreibt, daß
h‘o Landwirtschaft „genügend durch die Natur der Dinge gegen die ausländische Konkurrenz
geschützt sei“.