Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 393 
der Gleichgewichtslage streben 1 ). Hierdurch gibt Stuart Mill dem 
Gesetz des Angebots und der Nachfrage nicht nur eine wissenschaft 
liche Genauigkeit, die es bis dahin noch nicht besaß, sondern er führt 
auch, indem er die Beziehung der Ursache und Wirkung durch die des 
Gleichgewichtes ersetzt, ein neues Prinzip in die Wissenschaft ein, das 
bestimmt war, die ganze neue Methode der Wissenschaft zu beherrschen, 
wie wir bei der Darstellung der neuklassischen Schule zeigen werden. 
Das Gesetz des Angebotes und der Nachfrage erklärt aber nur die 
Wertschwankungen, nicht den Wert selbst. Man mußte daher eine tiefer 
liegende Ursache finden. Diese Ursache liegt in den Produktionskosten. 
Unter der Herrschaft der freien Konkurrenz streben die Wertschwankungen 
stets nach diesem festen Punkte, ebenso wie „der Ozean bestrebt ist, 
überall sein Niveau einzunehmen, es aber niemals genau innehält“ 2 ). 
Es gibt also zwei Arten des Wertes: einen vorübergehenden und 
schwankenden, beherrscht vom Gesetz des Angebotes und der Nach 
frage, und einen ständigen oder natürlichen oder auch normalen Wert, 
der sich nach den Produktionskosten richtet. Dies war das klassische 
Wertgesetz, und Stuart Mill war davon so entzückt, daß er den Satz 
schrieb, der unter der Feder eines so scharfsinnigen Philosophen Staunen 
erregen muß: „Glücklicherweise bleibt in dem Gesetz des Wertes nichts 
r uehr zu erklären übrig, weder ietzt noch später; die Theorie ist voll 
kommen“ 2 ). 
Dasselbe Gesetz, das den Wert der Waren regelt, ist auch auf das 
Geld anwendbar. Auch das Geld hat einen Marktwert, der von der auf 
dem Markte im Umlauf befindlichen Menge und den Bedürfnissen des 
Tausches bestimmt wird; — es ist das die berühmte Quantitätstheorie 
~~ und einen natürlichen Wert, der von den Produktionskosten der Edel 
metalle abhängt. 
5. Das Lohngesetz.. Die gleichen Gesetze regieren auch den Preis 
der Arbeitskraft oder des Lohnes. Auch er gehorcht einem doppelten 
Gesetze. 
Der Marktlohn wird vom Angebot und der Nachfrage bestimmt, 
mdem man unter „Angebot“ die Menge des zum Unterhalt der Arbeiter 
verfügbaren Kapitals versteht, den Lohnfonds (wage fund), und unter 
') „Das Steigen und Fallen der Preise findet so lange statt, bis das Angebot und 
. le Nachfrage einander genau gleich sind und der Wert einer Ware auf dem Markte 
ls t kein anderer als der, der auf diesem Markte eine genügende Nachfrage bestimmt, 
11111 a üe angebotenen Mengen aufzunehmen“ (Principles, Bd. I, II„ Kap. 2, § 1). 
Vor Stuart Mill hatte schon Cournot die Formel des Gesetzes von Angebot 
? nd Nachfrage in seinen Recherches sur les principes mathömatiques de 
la thfiorie des richesses (1838) kritisiert; es ist aber nicht wahrscheinlich, daß 
vuart Mill dieses Buch gekannt hat. 
2 ) Principles, Bd. I, III, Kap. 3, § 1. 
3 ) Ebenda, Bd. I, III, Kap. 1, § 1.
	        
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