Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  397

teil  für  beide  Teile  gleich  sei;  man  glaubte  aber  zu  der  Behauptung  berechtigt ­
  zu  sein,  daß  der  größere  Gewinn  dort,  wo  eine  Ungleichheit  auftrat, ­
  dem  ärmeren  der  beiden  Länder,  dem  von  Natur  ärmeren  oder  industriell ­
  rückständigeren,  zufiele.  Auf  Grund  der  Definition  würde  ja  gerade
dieses  größere  Mühe  gehabt  haben,  die  eingeführten  Produkte  selbst  zu
erzeugen  oder  wäre  möglicherweise  überhaupt  nicht  imstande  gewesen,
sie  hervorzubringen.  Hierin  stimmt  die  englische  klassische  Schule  der
Manchesterianer  fast  völlig  mit  der  französischen  Schule  überein 1  *  111 ).
Anscheinend  könnte  man  darauf  erwidern,  daß  unter  der  Herrschaft
der  freien  Konkurrenz  alle  Werte  auf  die  Produktionskosten  zurückgeführt ­
  werden,  und  folglich  alle  Produkte  sich  auf  Grund  der  Regel:
»gleiche  Arbeit  für  gleiche  Arbeit“  austauschen  müssen,  so  daß  dieser
angebliche  Vorteil  zum  Schluß  verschwinden  müsse.  Ricardo  hat  aber
schon  auf  diesen  Einwurf  geantwortet,  daß,  wenn  die  Regel  „gleiche
Arbeit  gegen  gleiche  Arbeit“  wirklich  den  Austausch  zwischen  Individuen
der  gleichen  Nationalität  regiert,  sie  doch  keineswegs  den  Austausch
zwischen  verschiedenen  Ländern  beherrscht,  weil  der  nivellierende  Einfluß ­
  der  Konkurrenz  nicht  mehr  in  Wirkung  tritt  und  zwar  wegen  der
Schwierigkeit,  der  das  Kapital  und  die  Arbeit  bei  ihrer  Übertragung
y on  einem  Lande,  auf  das  andere  unterliegen.  Es  kam  daher  nicht  darauf
a n ,  die  Arbeit  oder  die  respektiven  Kosten  desselben  Produktes
iu  den  beiden  Ländern  zu  vergleichen,  sondern  nur  die  respektiven
Kosten  zweier  Produkte  (des  eingeführten  und  des  ausgeführten)  im
gleichen  Lande.  Hierdurch  wurde  die  Theorie  gestärkt,  die  die  Vorteile ­
  des  internationalen  Handels  an  der  ersparten  Arbeit  mißt 2 ).

l )  Übrigens  legt  Ricardo  selbst  die  Vorteile  des  internationalen  Handels  in
Ausdrücken  dar,  die  Bastiat  sich  hätte  aneignen  können:  „In  einem  System  voll-"mmener

  Handelsfreiheit  verwendet  jedes  Land  sein  Kapital  und  seine  Industrie  in
er  Weise,  die  ihm  am  nützlichsten  erscheint.  Die  Zwecke  des  persönlichen  Interesses
teilen  in  vollständiger  Übereinstimmung  mit  dem  allgemeinen  Wohl  der  ganzen  Gesellschaft ­
  So  gelangt  man  —  ...  indem  man  aus  den  Wohltaten  der  Natur  den  größtmöglichen ­
  Vorteil  zieht,  zu  einer  besseren  Verteilung  und  zu  größerer  Sparsamkeit

111  ’fcr  Arbeit.  Zur  gleichen  Zeit  verbreitet  die  Vermehrung  der  allgemeinen  Menge
^on  Produkten  überall  Wohlstand:  der  Austausch  verbindet  durch  gemeinsame  Iner
 essenbeziehungen  alle  Teile  der  zivilisierten  Welt  untereinander  und  macht  sie  zu
®'uer  einzigen  großen  Gesellschaft.  Dieses  Prinzip  schreibt  vor:  Wein  soll  in  Frankreich
od  in  Portugal  erzeugt  werden,  Getreide  in  Polen  und  in  den  Vereinigten  Staaten,
...  Eisenwaren  wie  andere  Gegenstände  werden  in  England  hergestellt  (Ricardo,
^»vres,  franz.  Übers.,  S.  105).
s )  Doch  kann  sich  aus  der  Theorie  Ricardo’s  Folgendes  ergeben,  was  zunächst
Paradox  erscheint:  ein  Land  nämlich  kann  seinen  Vorteil  dabei  finden,  nicht  nur,  wie
selbstverständlich,  die  Gegenstände  einzüführen,  die  es  nur  unter  schwereren  Bedungen ­
  als  seine  Konkurrenten  herstellen  kann,  sondern  auch  die  Produkte,  in
^>en  es  seinen  Konkurrenten  relativ  überlegen  ist,  wenn  es  imstande
fv' n  sollte,  sie  mit  einem  Produkt  zu  bezahlen,  für  die  es  eine  noch  ausgesprochenere
Überlegenheit  besitzt  In  diesem  Falle  findet  es  seinen  Vorteil,  sich  des  Produktes,
            
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