Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 
Behauptung scheint aber Hildebarnd nicht bemerkt zu haben, daß 
er damit die ganze Grundlage jeder Wirtschaftswissenschaft vernichtete 
und so diesen „Entwicklungsgesetzen“ jede rationelle Stütze entzog, 
denselben Gesetzen, die von nun an nach seiner Ansicht das Wesen der 
Wissenschaft bilden sollten. 
Übrigens hatten die absoluten Behauptungen Hildebrand’s ebenso 
wenig Einfluß auf die wirtschaftliche Theorie, wie der Eklektizismus 
Roscher’s. Abgesehen von einer kurzen Darlegung eines allgemeinen 
Schemas der wirtschaftlichen Geschichte der Völker, in der er drei ver 
schiedene Stufen unterscheidet: die der Naturalwirtschaft, der Geld 
wirtschaft und der Kreditwirtschaft, begnügt er sich damit, fragmen 
tarische Aufsätze über Sonderfragen der Statistik und der Geschichte 
Zu veröffentlichen. Und in der Regel nimmt er die klassischen Theorien 
über die Gütererzeugung und -Verteilung als feststehende Wahrheiten an. 
Hildebrand hatte 1848 versprochen, seinem rein kritischen Werke 
e me Fortsetzung folgen zu lassen, in der die Hauptpunkte der neuen 
Methode dargelegt werden sollten. Aber diese Fortsetzung ist nie er 
schienen. Ein anderer Professor, Karl Knies, war es, der sich dieser 
schwierigen Aufgabe in einer großen Abhandlung unterzog, die 1853 
Uj iter dem Titel „Die politische Ökonomie vom Standpunkte 
? er geschichtlichen Methode“ erschien 1 ). Seine Ideen stimmen 
Jedoch ebensowenig mit denen seiner beiden Vorgänger überein, wie diese 
Untereinander Übereinstimmung zeigen. Er bestreitet nicht nur wie 
Hildebrand im Namen der menschlichen Freiheit die Existenz von 
natürlichen Gesetzen, sondern er bestreitet sogar auch Hildebrand’s 
^Entwicklungsgesetze“. Für ihn kann es nur Analogien und nicht 
* e setze der wirtschaftlichen Entwicklung der verschiedenen Völker 
| e oen. Knies teilt daher ebensowenig die Ideen Hildebrand’s und 
Hoscher’s, wie die der Klassiker. In seinen Augen wird die National- 
tßristischen Stelle in seinem Aufsatz über die gegenwärtige Aufgabe der Wissen- 
Ü, a Ü der Nationalökonomie (Jahrbücher für Nationalökonomie und 
. ^tistik, 1863, Bd. I, S. 145) wie folgt aus: „Die Nationalökonomie hat es deshalb 
. t wie die Physiologie des tierischen Organismus oder andere Zweige der Natur- 
*ssenschaft mit Naturgesetzen zu tun, sie hat nicht in der Mannigfaltigkeit der öko- 
1 0tnif >chen Erscheinungen nach unwandelbaren, überall gleichbleibenden Gesetzen zu 
orschen, sondern sie hat in dem Wechsel der nationalökonomischen Erfahrungen den 
ortschritt, in dem wirtschaftlichen Leben der Menschheit die Vervollkommnung der 
'Menschlichen Gattung nachzuweisen. Ihre Aufgabe ist es, den nationalökonomischen 
ntwicklungsgang sowohl der einzelnen Völker, als auch der gesamten Menschheit 
(j on Stufe zu Stufe zu erforschen und auf diesem Wege die Fundamente und den Bau 
® r gegenwärtigen wirtschaftlichen Kultur, sowie die Aufgaben zu erkennen, deren 
osung der Arbeit der lebenden Generation Vorbehalten ist.“ 
.. b Die zweite Ausgabe erschien 30 Jahre später, im Jahre 1883, unter etwas 
ränderten Titel: Die politische Ökonomie vom geschichtlichen Standpunkte. Den 
a ten liegt die zweite Ausgabe zugrunde.
	        
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