Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 425
Wirksamkeit, die man ihr zuschreibt, vergrößert. Rechnen wir hierzu
das Prestige, das seit 1871 die deutsche Wissenschaft gewann, und die
Tatsache, daß sich in Deutschland die historische Nationalökonomie
mit dem Staatssozialismus verbündete, so wird man die Gunst verstehen,
die die Schule im Ausland erworben hat.
In England, dieser Hochburg der Wirtschaftslehre Ricardo’s, macht
sich der Einfluß der historischen Schule nach 1870 ganz ausgesprochen
fühlbar.
Die gleichen methodologischen Diskussionen, die die deutsche Nationalökonomie
beschäftigen, treten auch hier auf. Cairnes betont in seinem
Buch „the character and logical method of political economy“,
das 1875 wieder herausgegeben wurde 1 ) mit Nachdruck die Berechtigung
der Deduktion, so wie die alte Nationalökonomie sie anwendete. Aber
1879 antwortete ihm Cliffe Lbslie in seinen „Essays on political
and moral Philosophy“, indem er alle Waffen der deutschen historischen
Schule gegen die klassischen Methoden ins Feld führte. Die Induktion
gegenüber der Deduktion, die Notwendigkeit, die Volkswirtschaft
m Zusammenhang mit den anderen sozialen Wissenschaften zu bringen,
die Relativität der wirtschaftlichen Gesetze, die Geschichte als Auslegungsmethode
der wirtschaftlichen Tatsachen, alle diese Ideen finden wir bei
dem englischen Schriftsteller eindrucksvoll entwickelt. Zur gleichen Zeit
^ e gte Arnold Toynbee, wenn auch mit größerer Mäßigung, analoge
Ideen in seinen Abhandlungen über die „industrielle Revolution“ dar.
Br erkannte die Deduktion in der volkswirtschaftlichen Untersuchung
als notwendig an, aber er sah in der Geschichte und der Beobachtung
das Mittel, der Wirtschaftslehre Leben und praktische Tragweite wiederj'
u geben, deren Fehlen sich in den Theorien Ricardo’s immer mehr fühlbar
machten. Die Sache der sozialen Reformen sollte nach ihm von den
neuen Methoden stark profitieren. Zweifellos würde er einen bedeutenden
Einfluß ausgeübt haben, wenn der Tod nicht mit 30 Jahren eine Laufbahn
abgeschlossen hätte, die zu den höchsten Hoffnungen berechtigte
(1883).
Der Anstoß war gegeben. Von nun an nehmen in England die Wirtschaftsgeschichte,
die Beobachtung der Einrichtungen, die Untersuchung
der sozialen Klassen einen immer wachsenden Platz in den Arbeiten der
Volkswirtschaftler ein. In jedem dieser Gedankenbereiche sind bedeutende
Werke entstanden: Growth of English industry and Commerce
v on Cunningiiam; die Geschichte und wirtschaftlichen Lehren
hes Mittelalters von Ashley; die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung
und die industrielle Demokratie von Herrn und
Frau Sydney Webb; Life and labour of the people von Boote, —
b Pie erste Ausgabe war 1857 erschienen. Über Caibnes siehe oben S. 410.