160
Weltanschauung.
geschichtliche Zusammenfassung, eine oberste erkenntnismäßige
Abstraktion. Aber nun kam die Zeit der Romantik und der
spekulativen Gedankendichtung. Der wurden historische Ideen
der bezeichneten Art alsbald etwas anderes: sie übertrug
sie, entsprechend dem immer wieder bei ihr auftretenden
ontologischen Irrtum, aus dem Gebiete des Gedachten in das
Gebiet des Anschaulich-Wirklichen, und so wurden sie ihr
Ausflüsse des Absoluten, „Gedanken Gottes in der Geschichte“.
Damit erschien es denn jetzt als Hauptaufgabe des Historikers,
diese Gedanken Gottes aufzufinden: und so ward er zum
mystischen Vertrauten des Absoluten, zum Seher Gottes im
Verlauf der Geschichte.
Und da versteht es sich denn sehr wohl, daß sich diese
Auffassung vom Berufe des Historikers, wie sie vornehmlich
Wilhelm von Humboldt theoretisch dargelegt und Ranke
praktisch durchgeführt hat, dem Paradiesesgedanken anpassen
konnte; nach einer ersten Erhebung des Menschen über alle
anderen Organismen durch Verleihung der Vernunft äußerte
sich die göttliche Fürsorge für das Menschengeschlecht immer
weiter in stets erneuerten ruckweisen Emanationen göttlicher
Ideen, und das Geheimnis der Geschichte bestand in dem
persönlichen Wandeln Gottes hin durch den Lauf der sterb⸗
lichen Geschlechter. Zugleich aber trat freilich klar zu Tage,
wie diese Auffassung schlechthin unverträglich war mit jebver
Spur auch nur evolutionistischen Denkens.
Ranke indes, der fast unwiderstehlich gewordene Ver—
treter der Auffassung der ersten Jahrzehnte des 19. Jahr⸗
hunderts, lebte inzwischen, auch hochbetagt noch energisch
schaffend, bis zum Jahre 1886. Die Folge war, daß sich
wenigstens in Deutschland auf dem Gebiete der Geschichts⸗
wissenschaft kaum ein Wechsel der allgemeinen Auffassung voll⸗
zog, der eine Ausgleichung mit der inzwischen gänzlich ver⸗
änderten Konstellation des Seelenlebens, ja auch nur mit dem
Entwicklungsgedanken der sechziger Jahre gebracht hätte. Da
blieb noch immer jene Auffassung die herrschende, die, abgesehen
von älteren Wurzeln, dem rationalistischen Gegensatze des 18. Jahr—