Metadata: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
geschichtliche Zusammenfassung, eine oberste erkenntnismäßige 
Abstraktion. Aber nun kam die Zeit der Romantik und der 
spekulativen Gedankendichtung. Der wurden historische Ideen 
der bezeichneten Art alsbald etwas anderes: sie übertrug 
sie, entsprechend dem immer wieder bei ihr auftretenden 
ontologischen Irrtum, aus dem Gebiete des Gedachten in das 
Gebiet des Anschaulich-Wirklichen, und so wurden sie ihr 
Ausflüsse des Absoluten, „Gedanken Gottes in der Geschichte“. 
Damit erschien es denn jetzt als Hauptaufgabe des Historikers, 
diese Gedanken Gottes aufzufinden: und so ward er zum 
mystischen Vertrauten des Absoluten, zum Seher Gottes im 
Verlauf der Geschichte. 
Und da versteht es sich denn sehr wohl, daß sich diese 
Auffassung vom Berufe des Historikers, wie sie vornehmlich 
Wilhelm von Humboldt theoretisch dargelegt und Ranke 
praktisch durchgeführt hat, dem Paradiesesgedanken anpassen 
konnte; nach einer ersten Erhebung des Menschen über alle 
anderen Organismen durch Verleihung der Vernunft äußerte 
sich die göttliche Fürsorge für das Menschengeschlecht immer 
weiter in stets erneuerten ruckweisen Emanationen göttlicher 
Ideen, und das Geheimnis der Geschichte bestand in dem 
persönlichen Wandeln Gottes hin durch den Lauf der sterb⸗ 
lichen Geschlechter. Zugleich aber trat freilich klar zu Tage, 
wie diese Auffassung schlechthin unverträglich war mit jebver 
Spur auch nur evolutionistischen Denkens. 
Ranke indes, der fast unwiderstehlich gewordene Ver— 
treter der Auffassung der ersten Jahrzehnte des 19. Jahr⸗ 
hunderts, lebte inzwischen, auch hochbetagt noch energisch 
schaffend, bis zum Jahre 1886. Die Folge war, daß sich 
wenigstens in Deutschland auf dem Gebiete der Geschichts⸗ 
wissenschaft kaum ein Wechsel der allgemeinen Auffassung voll⸗ 
zog, der eine Ausgleichung mit der inzwischen gänzlich ver⸗ 
änderten Konstellation des Seelenlebens, ja auch nur mit dem 
Entwicklungsgedanken der sechziger Jahre gebracht hätte. Da 
blieb noch immer jene Auffassung die herrschende, die, abgesehen 
von älteren Wurzeln, dem rationalistischen Gegensatze des 18. Jahr—
	        
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