Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Bisher  sind  wir,  wie  die  Physiokraten,  in  dem  Bereich  der  Theorie
gebliehen.  Ihr  Einfluß  hat  sich  aber  am  stärksten  im  Gebiet  der  angewandten ­
  Nationalökonomie,  der  Handelsgesetzgebung,  der  Betätigung
des  Staates  und  der  Steuerverteilung  fühlbar  gemacht 1 ).

Der  Handel.
Der  Tausch,  auf  die  einzige  und  wesentliche  Handlung  des:  „do,
ut  des“  zurückgeführt,  erzeugt  nach  der  Meinung  der  Physiokraten
überhaupt  nichts:  denn  auf  Grund  seiner  Definition  bedingt  er  die
Gleichwertigkeit  der  getauschten  Gegenstände.  Wenn  daher  jede  der
beiden  Parteien  genau  den  Gegenwert  dessen,  was  sie  hergegeben
hat,  erhält,  wo  bleiben  dann  die  neugeschaffenen  Werte?  Zwar  kann
der  Tausch  „leoninisch“  sein  und  eine  der  beiden  Parteien  auf  Kosten
der  anderen  bereichern,  aber  auch  in  diesem  Falle  gibt  es  keine
Schaffung  neuer  Werte,  da  der  Eine  gewinnt,  was  der  Andere  verliert ­
 2 ).  Wenn  ich  meine  Flasche  Wein  gegen  dein  Brot  austausche,
so  findet  eine  doppelte  Orts  Veränderung  an  Gütern  statt,  die
sicherlich  die  Bedürfnisse  eines  jeden  von  uns  beiden  besser  befriedigt. ­
  Eine  Schöpfung  von  Werten  ist  jedoch  nicht  erfolgt,  da
auf  Grund  der  Definition  die  ausgetauschten  Gegenstände  gleichwertig
sind.  Heute  folgern  wir  ganz  anders.  Die  Volks  Wirtschaftler  haben
darauf  hingewiesen,  daß,  wenn  ich  meinen  Wein  gegen  dein  Brot
vertausche,  dies  ohne  Zweifel  darauf  beruht,  weil  ich  mehr  Hunger

*)  Man  mag  wohl  erstaunt  sein,  in  dieser  Aufzählung  nichts  über  die  Freiheit  I
der  Arbeit,  nämlich  die  Abschaffung  der  Zünfte,  zu  finden,  eine  Tat,  die  man  den  I
Physiokraten  zur  Ehre  angerechnet  hat.  Freilich  haben  sie  gegen  das  Gesetz  Wider-  |
sprach  eingelegt,  das  aus  dem  Recht,  ein  Gewerbe  auszuüben,  ein  vom  König  ver-  I
liehenes  Vorrecht  machte.  „Für  aufrichtige  Menschen  der  elendeste  Grundsatz,  den
der  Geist  der  Herrschsucht  und  des  -Raubes  jemals  erfunden  hat“,  schreibt  Baudeaü  :
in  den  Ephemeriden  (1768,  IV).  Mit  Recht  spricht  man  daher  der  physiokratischen
Lehre  das  Verdienst  jenes  berühmten  Edikts  Tukgot’s  vom  Januar  1776  zu,  durch  J
das  die  Meisterschaften  (Zünfte)  aufgehoben  und  die  Freiheit  der  Arbeit  für  alle  j
proklamiert  wurde.  Nichtsdestoweniger  ist  anzumerken,  daß  sie  sich  selten  in  ihren  I
Schriften  damit  beschäftigt  haben,  zweifellos  weil  bei  ihrer  Auffassung  der  industriellen  1
Arbeit  als  unproduktiv,  Reformen  in  der  Organisation  dieser  Arbeit  sie  nur  wenig  I
berührten.
2 )  „Der  Tausch  ist  ein  Gleichheitsvertrag,  der  zwischen  gleichen  Werten  stattfindet. ­
  Es  ist  daher  kein  Bereicherungsmittel,  da  man  eben  so  viel  gibt,  wie  man  I
erhält,  sondern  ein  Mittel,  die  nötigen  Bedarfsgegenstände  zu  erwerben  und  in  die  |
Annehmlichkeiten  Abwechslung  zu  bringen“  (Le  Trosnk,  S.  903—904).  Was  bedeutet  |
aber  „Bedarfsgegenstände  zu  erwerben  und  in  die  Annehmlichkeiten  Abwechslung  I
zu  bringen“,  wenn  nicht  seinen  Reichtnm  vergrößern!
            
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