Kapitel III. Der Marxismus.
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für die Vorteile weggeworfen werden würden, die sich aus einem sozialen
Miteigentum ergeben. Aber der Beweis, daß sie heute nicht mehr daran
glauben, ist, daß sie selbst schon eine andere Sprache führen und sich
verpflichten, diese „Eigentumsfetzen“ ihren Besitzern zu erhalten.
In dieser Hinsicht hat ihr Programm schon einige Veränderungen,
wenn nicht einige Risse erhalten. Als es in dem kommunistischen
Manifest formuliert worden war, vor mehr als einem halben Jahrhundert,
rechnete man damit, daß das kleine Eigentum sehr bald verschwinden
würde. Da dann der ganze Besitz in einer kleinen Anzahl von Händen
konzentriert, und andererseits die Masse der Proletarier um all die expro
priierten früheren kleinen Besitzer vermehrt sein würde — so würden
die Proletarier nur eine Handbewegung zu machen brauchen, um die
besitzenden Klassen, sei es auf dem Wege der Revolution, sei es einfach
durch den zum Gesetz erhobenen Willen der Mehrheit, hinwegfegen zu
können.
Zum Unglück für die Ausführung dieses Programms mußte man leider
konstatieren, daß „der Verfall des bürgerlichen Eigentums“ weder un
vermeidlich noch nahe bevorstehend erschien. Nicht nur befand sich das
kapitalistische Großeigentum außerordentlich wohl — worin natürlich
eine Bestätigung der marxistischen Theorie und nicht ihre Widerlegung
liegt — sondern auch das Kleineigentum und die Kleinindustrie wollten
augenscheinlich durchaus noch nicht das Zeitliche segnen. Was sollte
man nun tun? Man konnte nicht hoffen, die Verwirklichung der sozialen
Revolution ohne oder gegen den Willen dieser riesigen Menge von Land-
Ruten, Handwerkern, Krämern usw. durchzuführen — und zwar ebenso
wenig durch Anwendung von Gewalt als durch Anwendung der parla
mentarischen Machtmittel, denn diese Masse bildet gerade den zur Mehrheit
unentbehrlichen Bestandteil, wenn sie nicht schon an sich die Mehrheit
vorstellt: und wie sollte man hoffen, sie um ein Programm zu scharen,
das ihre eigene Expropriation enthielt ?
Daher hat man einen Unterschied gemacht. Die Sozialisation der
Produktionsmittel wird nur auf den Großbesitz und die Großindustrie
augewandt, auf diejenigen, die Lohnempfänger beschäftigen; der kleine
Besitz dessen, der von seiner Arbeit lebt, wird aber geschont. Gegen
den Vorwurf der Inkonsequenz oder des Opportunismus verteidigt man
s ieh, indem man sagt, daß man sich auf diese Weise nur dem Gang der
Entwicklung anpasse. Man beginnt mit der Expropriation der Industrien,
die schon zur kapitalistischen Lohnordnung, zum Stadium des Mehr
wertes gelangt sind.
Diese Schlußfolgerung läßt sich in der Tat rechtfertigen, da sie sich
iogisch auf den Prämissen aufbaut. In Wirklichkeit ist es aber nicht
so leicht, zu wissen, was man mit diesem individuellen Kleinbesitz tun
soll. Wird man ihn leben und sich neben dem gesellschaftlichen Eigentum