Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel III. Der Marxismus. 
527 
das „Klassenbewußtsein“ zu entwickeln, nämlich das Gefühl der Inter 
essengemeinschaft, das alle Proletarier gegen alle Besitzenden vereinen 
soll. Das Bewußtsein tritt erst dort auf, wo eine Organisation vorhanden 
ist, und dies gilt im Bereiche des Wirtschaftslebens nicht weniger als 
un Bereiche der Biologie: — deshalb ist gerade die Gewerkschaft das, was 
notwendig ist, um die alte sozialistische Auffassung in wirklichen So 
zialismus zu verwandeln. Als Marx schrieb, konnte er diese Macht noch 
nicht voraussehen. Wenn er sie gekannt hätte, wie sehr würde er sich 
darin wiedererkannt haben! Die Vertreter dieses Neo-Marxismus schlagen 
lyrische Töne an, wenn sie von der Gewerkschaft sprechen. In dem bürger 
lichen Sumpfe ist sie die einzige Quelle neuer Energie. Die Gewerkschaft 
trägt die Keime einer neuen Gesellschaft, einer neuen Philosophie und 
sogar einer neuen Moral in sich, die man die Moral des Produzenten nennen 
kann: Berufsehre, Solidaritätsgefühl, Stolz auf vollbrachte Leistungen, 
Kortschrittsbegeisterung usw. x ). 
b) in der täglichen und praktischen Betonung und Verwirklichung 
des Klassenkampfes, des wirklichen, richtigen und einzigen revolutionären 
Kampfes zwischen Lohnempfängern und Kapitalisten, des Kampfes, 
der gerade auf dem Klassenbewußtsein beruht, und der alle Kriegsmittel, 
Streiks, Gewalt usw. anwendet — des Kampfes, der jede Hilfe der bürger- 
dchen Klassen zurückweist, jede Einmischung des Staates, jede aufge 
zwungene Reform, und der alles nur sich selbst, der Selbsthilfe (action 
directe), verdanken will 2 ). 
Nur dieser Kampf bringt das neue Recht der Zukunft, soweit es 
1,1 Widerspruch mit den heutigen juristischen Auffassungen steht, die 
') „Der revolutionäre Syndikalismus ist die größte erzieherische Macht, die die 
heutige Gesellschaft besitzt, um die Arbeit der Zukunft vorzubereiten“ (Sokel, R6- 
Gexions sur la violence, 1909, S. 244). 
„In dem totalen Zusammenbruch der Einrichtungen und der Sitten bleibt etwas 
Machtvolles, Neues und Unberührtes bestehen: das, was ganz eigentlich die Seele des 
Woletariats ausmacht und nicht in den allgemeinen Verfall der moralischen Werte 
hineingezogen werden wird, wenn die Arbeitenden genügend Energie haben, um den 
bürgerlichen Verführern den Weg zu sperren, indem sie ihr Entgegenkommen mit der 
^gesprochensten Brutalität zurückweisen“ (ebenda, S. 253). 
., Diese Moral steht übrigens im Gegensatz zu der Moral des Verbrauchers, t em 
ea l des Rentiers und der „gelehrten Müßiggänger“, die die sozialen Vereinigungen 
' er Käufer und die Konsumgenossenschaften die Oberhand gewinnen sehen mochten 
Ggl. oben, S. 373). 
. 2 ) Dieser ununterbrochene Kampf ist das, was G. Sorel die „Gewalt“ — la vio 
lence — nennt, und die er für außerordentlich heilsam erklärt. „Ich habe nachgewiesen, 
aß üi e proletarische Gewalt eine ganz andere historische Bedeutung hat, als die, die 
J hr oberflächliche Gelehrte und Politiker beilegen“. Man muß aber darauf hmweisen, 
«aß man ihm zu Unrecht vorgeworfen hat, die Sabotage gut zu heißen: „Die Sabotage“, 
ba gt er, „ist ein Verfahren des alten Regime (?) und dient keineswegs dazu, den Ar- 
beiter auf den Weg der Emanzipation zu führen“ (Mouvement socialiste, 1. und 
15 - November, 1905).
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.