Kapitel III. Der Marxismus.
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das „Klassenbewußtsein“ zu entwickeln, nämlich das Gefühl der Inter
essengemeinschaft, das alle Proletarier gegen alle Besitzenden vereinen
soll. Das Bewußtsein tritt erst dort auf, wo eine Organisation vorhanden
ist, und dies gilt im Bereiche des Wirtschaftslebens nicht weniger als
un Bereiche der Biologie: — deshalb ist gerade die Gewerkschaft das, was
notwendig ist, um die alte sozialistische Auffassung in wirklichen So
zialismus zu verwandeln. Als Marx schrieb, konnte er diese Macht noch
nicht voraussehen. Wenn er sie gekannt hätte, wie sehr würde er sich
darin wiedererkannt haben! Die Vertreter dieses Neo-Marxismus schlagen
lyrische Töne an, wenn sie von der Gewerkschaft sprechen. In dem bürger
lichen Sumpfe ist sie die einzige Quelle neuer Energie. Die Gewerkschaft
trägt die Keime einer neuen Gesellschaft, einer neuen Philosophie und
sogar einer neuen Moral in sich, die man die Moral des Produzenten nennen
kann: Berufsehre, Solidaritätsgefühl, Stolz auf vollbrachte Leistungen,
Kortschrittsbegeisterung usw. x ).
b) in der täglichen und praktischen Betonung und Verwirklichung
des Klassenkampfes, des wirklichen, richtigen und einzigen revolutionären
Kampfes zwischen Lohnempfängern und Kapitalisten, des Kampfes,
der gerade auf dem Klassenbewußtsein beruht, und der alle Kriegsmittel,
Streiks, Gewalt usw. anwendet — des Kampfes, der jede Hilfe der bürger-
dchen Klassen zurückweist, jede Einmischung des Staates, jede aufge
zwungene Reform, und der alles nur sich selbst, der Selbsthilfe (action
directe), verdanken will 2 ).
Nur dieser Kampf bringt das neue Recht der Zukunft, soweit es
1,1 Widerspruch mit den heutigen juristischen Auffassungen steht, die
') „Der revolutionäre Syndikalismus ist die größte erzieherische Macht, die die
heutige Gesellschaft besitzt, um die Arbeit der Zukunft vorzubereiten“ (Sokel, R6-
Gexions sur la violence, 1909, S. 244).
„In dem totalen Zusammenbruch der Einrichtungen und der Sitten bleibt etwas
Machtvolles, Neues und Unberührtes bestehen: das, was ganz eigentlich die Seele des
Woletariats ausmacht und nicht in den allgemeinen Verfall der moralischen Werte
hineingezogen werden wird, wenn die Arbeitenden genügend Energie haben, um den
bürgerlichen Verführern den Weg zu sperren, indem sie ihr Entgegenkommen mit der
^gesprochensten Brutalität zurückweisen“ (ebenda, S. 253).
., Diese Moral steht übrigens im Gegensatz zu der Moral des Verbrauchers, t em
ea l des Rentiers und der „gelehrten Müßiggänger“, die die sozialen Vereinigungen
' er Käufer und die Konsumgenossenschaften die Oberhand gewinnen sehen mochten
Ggl. oben, S. 373).
. 2 ) Dieser ununterbrochene Kampf ist das, was G. Sorel die „Gewalt“ — la vio
lence — nennt, und die er für außerordentlich heilsam erklärt. „Ich habe nachgewiesen,
aß üi e proletarische Gewalt eine ganz andere historische Bedeutung hat, als die, die
J hr oberflächliche Gelehrte und Politiker beilegen“. Man muß aber darauf hmweisen,
«aß man ihm zu Unrecht vorgeworfen hat, die Sabotage gut zu heißen: „Die Sabotage“,
ba gt er, „ist ein Verfahren des alten Regime (?) und dient keineswegs dazu, den Ar-
beiter auf den Weg der Emanzipation zu führen“ (Mouvement socialiste, 1. und
15 - November, 1905).