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Zehntes Buch. Erstes Kapitel.
wie sie war, bei steigender Seelenzahl jede Möglichkeit zur Kultur
der ausgedehnten Moore und Sumpfwälder versagt: nur ge—
waltige Mittel an Kapital und Arbeit zumal konnten hier Bahn
brechen. Es bot sich in dem unwirtlichen Lande kein anderer
Ausweg, als der Übergang zur Industrie.
Einen ersten Anlaß hierzu scheint noch der Betrieb der
Landwirtschaft selbst gegeben zu haben. Zahlreiche Schafherden
wanderten auf den Heiden; schon früh lieferten sie das Material
zur Käsebereitung, zur gewerbsmäßigen Gerberei, zu den Anfängen
der Weberei und zur Fertigung von Loden. Nach dieser Seite
hin bot dann das Artois und das südliche wallonische Flandern
weitere Förderung. In Arras, dem ältesten Sitze der flandrischen
Brafen, wurde schon zur Römerzeit fabrikmäßig gesponnen und
gewebt, sowohl in Flachs wie in Wolle, und es ist nicht un—
wahrscheinlich, daß Überreste dieser Technik sich bis ins 10. Jahr—
hundert gerettet haben. Im 10. Jahrhundert aber, unter dem
Grafen Balduin V. (988-961), soll die Weberei schon in
Jeperen, in Gent und Brügge, den größten Städten später des
Landes, geblüht haben: und gewiß stand der Übergang des
Volkes vom Ackerbau zur Industrie schon weithin in Aussicht.
Es war eine Wendung, die aus besonderen Gründen, ohne
die vollen Zwischenstufen einer höher organisierten Naturalwirt—
schaft, die Entstehung eines außerordentlich frühreifen städtischen
Lebens veranlaßt hat. Ähnlich wie in Sachsen überall Burgen
entstanden waren zur Sicherung des Landes gegen magyarische
Einfälle, so hatte sich auch Flandern in der Normannenzeit mit
befestigten Zufluchtsörtern bedeckt; vor allem die Klöster waren zu⸗
meist in Burgen umgeschaffen worden: die Abtei St. Baafs
heißt wiederholt castrum coenobium Gandense. Diese Maß—
regel hatte schon in Sachsen zu den Anfängen städtischer
Entwickelung geführt!. In ungleich höherem Maße trat die
gleiche Wirkung in Flandern ein; hier ward fast jede Burgen—
und Klosteranlage im Laufe des 10. und 11. Jahrhunderts der
Vgl. Band II S. 186f.