204 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Farben stark gebrochene, schillernde und flirrende Farbentöne
zu entwickeln, einen Aufbau der Darstellung in streng plastischer
oder architektonischer Linienführung zu vermeiden und an deren
Stelle eine neue Kompositionsart auf Grund harmonischer Ver—
teilung der koloristischen Faktoren zu setzen. Es sind die all—
gemeinen Merkmale aller koloristischen Meister dieser Zeit.
Und Hand in Hand damit geht die Neigung, den Stoff
poetisch, duftig zu behandeln und ihn, wenn irgend möglich,
in besonderen Lichteffekten vorzutragen.
Der erste und vielleicht auch der größeste Meister dieser
Richtung war Matthias Grünewald, ein Sonderling, der in
Mainz und Aschaffenburg lebte, und dessen Spur seit 1525
verschwindet. Sein reifes Vermögen zeigen unter dem bisher
geordneten Denkmälervorrat vor allem der Isenheimer Altar
zu Kolmar und ein Werk in der Münchener alten Pinakothek,
das vom Kardinal von Mainz Anfang der zwanziger Jahre für
die St. Moritzkirche zu Halle a. S. gestiftet ward. Hier wirkt
Grünewald innerhalb der koloristischen Auffassung vor allem
als Dramatiker; pathetisch, nervös, krampfhaft bisweilen ist
die Bewegung der Gestalten; jeder Muskel des Körpers dient
der Verdeutlichung des künstlerischen Zweckes. Daneben geht
ein nicht immer abgeklärter Zug ins Traumselige, Phantastische,
der gelegentlich des Lieblichen nicht entbehrt, wie in jener Ver⸗
herrlichung Marias durch Engel, welche dem Kolmarer Bilder⸗
kreis angehört. Energisch betrat der Meister diese neuen Wege;
so machte er Eindruck und fand Nachfolger.
Lukas Cranach steht in seiner schöpferischen Zeit, bis etwa
1520, mit Grünewald geistig in enger Verbindung. Kolo—
ristisches Streben nach Naturwahrheit, Größe der Auffassung,
Liebenswürdigkeit der nach rein malerischen Rücksichten gehand⸗
—D
Humor sind Kennzeichen dieser ersten Periode. Seit den Zeiten
der Reformation freilich, deren Inhalt er mit ganzer Seele
umfaßte und deren Führern und Fürsten er treu geblieben ist
bis in den Tod, ging Cranach als Künstler zurück. Er ward