556
Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
häuser, die Solidarites genannt werden. Eine „Gesellschaft zum praktischen
Studium der sozialen Fragen“ (Association pour Pötude pratique
des questions sociales) wurde 1887 von Pastor Goüth gegründet 1 ). Sie
hält sich in recht gemäßigten Grenzen und geht nicht über den Kooperativismus
als Aktionsmittel und über den Solidarismus als Doktrin hinaus 2 ).
Diese neue Lehre von der Solidarität — obgleich sie mehr radikalen Ursprungs
und, wie wir später sehen werden, eher eine Antithese zu dem
Geiste der Nächstenliebe ist — wurde vom sozialen Protestantismus
mit Enthusiasmus aufgenommen. Er hat sie auch sogleich für sein geistiges
Eigentum erklärt und beklagt sich, daß man sie ihm genommen habe,
denn, sagt er, wo findet man das Gesetz der Solidarität energischer ausgedrückt
als in dem doppelten christlichen Dogma von dem Sündenfall
und der Erlösung — alle Menschen durch den Fall eines einzigen: Adam
— verloren — alle Menschen durch das Verdienst eines einzigen: Christus
—, gerettet?
Aber eine Gruppe junger Pastoren, die ziemlich genau dem entspricht,
was man in dem sozialen Katholizismus die Partei der Abbes
nennt, begnügt sich nicht mit diesem Zuckerwasserprogramm, wie sie
es nennt, und drängt wie ihre amerikanischen Kollegen zum Kollektivismus
3 ). Auf jeden Fall verlangt sie, daß die Frage des Eigentums
wenigstens „aufgeworfen werde“.
Alles in Allem zeigt das soziale Christentum im Protestantismus
*) Ihr Präsident ist seit 20 Jahren de Boyve, 'der Führer der kooperativen Bewegung
in Frankreich. Hierdurch tritt die Verwandtschaft der beiden Bewegungen
zutage, die beide aus der Schule von Nimes stammen.
Sie hält periodische Kongresse ab und ihr Organ ist die Zeitschrift Le Christianisme
Social.
2 ) Der Mann, der der Begründer dieser Bewegung war, Pastor Tomy Fallot,
bezeichnete den zu befolgenden Weg, indem er sagte: „Der Schwerpunkt liegt in der
Durchführung des vollkommenen Typus, der Kooperation heißt ... Er stellt heute
schon die Prophezeiung besserer Zeiten dar“ (L-’action Bonne). Es ist das dieselbe
Formel, wie die des englischen Theologen Maurice (siehe oben S. 551 Anm. 3).
„Wir sind christlich-sozial, weil wir Solidaristen sind. Indem wir die Solidarität
suchten, haben wir den Messias und sein Reich gefunden . . . „Solidarität ist das
Wort des Laien, „Reich Gottes“ das Wort des Christen; beide bezeichnen dasselbe“
(Gouneiae, L’Avant-Garde, 1907).
3 ) Diese Gruppe rekrutierte sich am Anfang aus den jungen Pastoren, die ihr
Amt in großen Industriestädten verwalteten (Wilfred Monod in Rouen, GouneiAE
in Roubaix) und so das Elend, das Leiden und das Gefühl der Auflehnung im Volke
in der Nähe sahen. Doch hat sie auch unter Laien einige Anhänger gefunden, wie
Fr;6deric Passy, einen der Söhne des Volkswirtschaftlers, der früher das'Haupt der
liberalen Schule war. [Sein Sohn Paul hat in Ostfrankreich eine kleine kommunistische
Siedlung begründet, die „Liefra (Liberty, Egalitü, Fraternitü) genannt wird.] (Zusatz
des Verf. zur 2. deutschen Aufl.)
Diese Gruppe Christlich-Sozialer hat als besonderes Organ eine kleine Zeitschrift:
L ! Espoir du Monde.