Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

häuser,  die  Solidarites  genannt  werden.  Eine  „Gesellschaft  zum  praktischen ­
  Studium  der  sozialen  Fragen“  (Association  pour  Pötude  pratique
des  questions  sociales)  wurde  1887  von  Pastor  Goüth  gegründet 1 ).  Sie
hält  sich  in  recht  gemäßigten  Grenzen  und  geht  nicht  über  den  Kooperativismus ­
  als  Aktionsmittel  und  über  den  Solidarismus  als  Doktrin  hinaus 2 ).
Diese  neue  Lehre  von  der  Solidarität  —  obgleich  sie  mehr  radikalen  Ursprungs ­
  und,  wie  wir  später  sehen  werden,  eher  eine  Antithese  zu  dem
Geiste  der  Nächstenliebe  ist  —  wurde  vom  sozialen  Protestantismus
mit  Enthusiasmus  aufgenommen.  Er  hat  sie  auch  sogleich  für  sein  geistiges
Eigentum  erklärt  und  beklagt  sich,  daß  man  sie  ihm  genommen  habe,
denn,  sagt  er,  wo  findet  man  das  Gesetz  der  Solidarität  energischer  ausgedrückt ­
  als  in  dem  doppelten  christlichen  Dogma  von  dem  Sündenfall
und  der  Erlösung  —  alle  Menschen  durch  den  Fall  eines  einzigen:  Adam
—  verloren  —  alle  Menschen  durch  das  Verdienst  eines  einzigen:  Christus
—,  gerettet?
Aber  eine  Gruppe  junger  Pastoren,  die  ziemlich  genau  dem  entspricht, ­
  was  man  in  dem  sozialen  Katholizismus  die  Partei  der  Abbes
nennt,  begnügt  sich  nicht  mit  diesem  Zuckerwasserprogramm,  wie  sie
es  nennt,  und  drängt  wie  ihre  amerikanischen  Kollegen  zum  Kollektivismus ­
 3 ).  Auf  jeden  Fall  verlangt  sie,  daß  die  Frage  des  Eigentums
wenigstens  „aufgeworfen  werde“.
Alles  in  Allem  zeigt  das  soziale  Christentum  im  Protestantismus

*)  Ihr  Präsident  ist  seit  20  Jahren  de  Boyve,  'der  Führer  der  kooperativen  Bewegung ­
  in  Frankreich.  Hierdurch  tritt  die  Verwandtschaft  der  beiden  Bewegungen
zutage,  die  beide  aus  der  Schule  von  Nimes  stammen.
Sie  hält  periodische  Kongresse  ab  und  ihr  Organ  ist  die  Zeitschrift  Le  Christianisme
  Social.
2 )  Der  Mann,  der  der  Begründer  dieser  Bewegung  war,  Pastor  Tomy  Fallot,
bezeichnete  den  zu  befolgenden  Weg,  indem  er  sagte:  „Der  Schwerpunkt  liegt  in  der
Durchführung  des  vollkommenen  Typus,  der  Kooperation  heißt  ...  Er  stellt  heute
schon  die  Prophezeiung  besserer  Zeiten  dar“  (L-’action  Bonne).  Es  ist  das  dieselbe
Formel,  wie  die  des  englischen  Theologen  Maurice  (siehe  oben  S.  551  Anm.  3).
„Wir  sind  christlich-sozial,  weil  wir  Solidaristen  sind.  Indem  wir  die  Solidarität
suchten,  haben  wir  den  Messias  und  sein  Reich  gefunden  .  .  .  „Solidarität  ist  das
Wort  des  Laien,  „Reich  Gottes“  das  Wort  des  Christen;  beide  bezeichnen  dasselbe“
(Gouneiae,  L’Avant-Garde,  1907).
3 )  Diese  Gruppe  rekrutierte  sich  am  Anfang  aus  den  jungen  Pastoren,  die  ihr
Amt  in  großen  Industriestädten  verwalteten  (Wilfred  Monod  in  Rouen,  GouneiAE
in  Roubaix)  und  so  das  Elend,  das  Leiden  und  das  Gefühl  der  Auflehnung  im  Volke
in  der  Nähe  sahen.  Doch  hat  sie  auch  unter  Laien  einige  Anhänger  gefunden,  wie
Fr;6deric  Passy,  einen  der  Söhne  des  Volkswirtschaftlers,  der  früher  das'Haupt  der
liberalen  Schule  war.  [Sein  Sohn  Paul  hat  in  Ostfrankreich  eine  kleine  kommunistische
Siedlung  begründet,  die  „Liefra  (Liberty,  Egalitü,  Fraternitü)  genannt  wird.]  (Zusatz
des  Verf.  zur  2.  deutschen  Aufl.)
Diese  Gruppe  Christlich-Sozialer  hat  als  besonderes  Organ  eine  kleine  Zeitschrift:
L ! Espoir  du  Monde.
            
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