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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
dasselbe wie 100 Fr., die heute gezahlt werden; die Gleichwertigkeit
wird nur wieder hergestellt, indem man auf die Wagschale, die in einem
Jahre die 100 Fr. erhalten soll, einen Wertzuschuß legt, der Zins heißt,
oder indem man von der Wagschale, die heute die 100 Fr. trägt, einen Bruch
teil hinweg nimmt, der Diskont genannt wird 1 ).
Was das Lohngesetz anlangt, nach dem der Lohn sich nach der
Produktivität des „Grenzarbeiters“ regelt, so ist es so wenig optimistisch,
daß es, worauf wir schon hingewiesen haben, eher das eherne Lohngesetz
bestätigt, denn es besagt, daß der an letzter Stelle angestellte Arbeiter —
der, nach welchem der Unternehmer weiter keinen mehr anstellt, weil
jeder mehr angenommene ihm Verlust bringen würde — nur gerade den
Gegenwert seiner Unterhaltsmittel erzeugt und erhält.
Kurz, die hedonistische Schule hat kein Verteilungsgesetz und will
auch keines haben: sie kennt keine Anteilhaber am Gesamtprodukt,
sondern nur produktive Dienste, deren Wert sie berechnet. Die Kenntnis
des Teiles, der in Wirklichkeit dem Kapital oder der Arbeit in jeder erzeugten
Einheit zufällt, ist eins: etwas Anderes ist die Untersuchung, ob Kapita
listen oder Arbeiter ungerecht behandelt werden.
Übrigens liegt der beste Beweis dafür, daß die Hedonisten keines
wegs das Laisser-faire befürworten, in der von ihren Führern eingenommenen
Haltung. Allerdings hat sich die österreichische Schule ziemlich gleich
gültig demgegenüber gezeigt, was man soziale oder Arbeiterfrage nennt * 2 )-
Doch es war sicherlich ihr Recht, sich auf die reine Ökonomik zu be
schränken. Aber andere Führer dieser Schule haben es sehr wohl ver
standen, darzulegen, daß sie sich durch ihre Methode keineswegs dem
Optimismus und dem Quietismus verschrieben hätten. Ohne von Stanley
Jevons zu sprechen, der sich in seinem Buch „Social Reforms“ klar
und deutlich zum Interventionismus bekennt, hat sich Walras in die
Vorhut der Agrarsozialisten gestellt. Wenn er aus dem Bereich der Nütz
lichkeit in den der Gerechtigkeit übergeht (er selbst hat mit großem Naeh-
*) Diese Theorie wird nicht von allen hedonistischen Volkswirtschaftlern ange
nommen, besonders nicht von Walkas, der sie in der vierten Ausgabe seiner Kconomie
pure kritisiert. In neueren Werken haben sich A. Landey in IntdrSt du capital
(1904) und Professor Ibving Fisher in The rate of interest (1907) bemüht, diese
Theorie nicht gerade zu zerstören, aber doch sie durch eine noch tiefergehende Analy se
der Gefühle zu verändern, die in jedem Individuum die Schätzung seines zukünftige 0
Einkommens bestimmen. — Diese Schätzung (time preference) ist übrigens je nach
der Vermögenslage eines jeden und noch anderer Umstände verschieden.
2 ) Wir haben dies eben hinsichtlich der Theorie Böhm-Bawerk’s festgestellt.
Übrigens behält auch hierin die hedonistische Schule eine der Methoden der
klassischen Schule bei, auf die Courcelle-Seneui und Chekbuliez mit Nachdruck
hingewiesen hatten: die Notwendigkeit, die Wissenschaft unbedingt von der Kunst,
die reine Ökonomik von der angewandten Ökonomie getrennt zu halten. Wie
sehr richtig sagt: das Maximum an Ophelimität kann in einer Gleichung ausgedrück
werden, das Maximum an Gerechtigkeit nicht.