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ITALIEN. — Sociales.
zehrten.) Noch im J. Ib33 zählte man auf Sardinien 376 grosse Feudal
güter, wovon die Hälfte im Besitze spanischer Adelsfamilien. Die
Bevölkerung befindet sich in mancher Beziehung noch in halbwildem Zu
stande. — Eine bedeutende Veränderung fand seit 1&4S, zumal auf
dem Festlande statt : Beschränkungen des Adels und Klerus, und Aus
bildung des Constitutionalismus. Nachdem im März 1S50 (Siccardi’sches
Gesetz) die geistliche Gerichtsbarkeit und andere Privilegien des Klerus
aufgehoben worden (doch wagte man noch nicht einmal, die in Frank
reich, Belgien, dem deutschen linken Rhein gebiet bestehende »Civilehe«
einzuführen), drängte die finanzielle Noth zu einer Einziehung von
Klostergütern. Zufolge des Gesetzes vom 25. Mai 1855 wurden
aufgehoben :
60 Klöster auf dem Festlande mit
40 - - - - -
40 - - Sardinien
182 Bettelklöster
05 Capitel
Geistliche Beneficien
772 Mönchen und 770,000 Lire Eink.
1,085 Nonnen - 202,000
488 Individuen - 309,000
3,145 - - 84,000 -
080 Canonicaten - 500,000
1,700 .....
399 Institute mit 0,870 Individuen und 2'015,000 Lire Eink.
Vor der Zeit der Reformen enthielt der sard. Staat 23,000 Geistliche =
I auf 214 Einw., während in Belgien 1 auf 600, in Oesterreich 1 auf
610 gerechnet ward. — Das Einkommen der Geistlichkeit betrug vor
der Klosteraufhebung über 17 Mill. [Rwista Knctclopeihca, 1855), also
mehr als die gesammte Grundsteuer, und viermal so viel als die in Bel
gien votirte »Allocation« ausmacht (selbst in der Clericalschrift : Allocti-
zione della Sanità ... al sacro Collegia nel Concistorio segreto del 22
gennajo 1855, seguita da una Esposizione di documenti etc. wird ein Ein
kommen von 10’412,0S1 Lire zugegeben). — Vor 1848 hatte kaum
der dritte Theil der Gemeinden Schulen für Knaben ; solche für Mädchen
waren fast ganz unbekannt. Im J. 1856 gab es Elementarschulen:
5,072 für Knaben 145 Gemeinden ohne Knabenschulen
2,833 - Mädchen 1,151 - - Mädchenschulen.
Indess konnten 1857 von 17,705 Rccruten 9,096 weder lesen noch
schreiben. — Seit 1819 und besonders 1851 das Prohibitivsystem auf-
gegeben ward, erlangte der Handel einen starken Auischwung (so
stieg, nach Herabsetzung der Zuckcrzölle auf die Hälfte, die Consum-
tion in 8 Jahren von 7 % auf 1 8% Mill. Kilogr.)
b) Mittelitalien. Modena war Eldorado des Jesuitismus,
und Absolutismus. — ln Toscana, wo während der zweiten Hälfte
des vorigen Jahrhunderts mehr Verbesserungen stattfanden als in irgend
einem andern Staate Italiens, blieb doch der Hauptgrundbesitz in den
Händen des Adels und der Geistlichkeit ; die Bauern wurden nicht freie
Eigenthümer. In der Neuzeit verfolgte man alle Neuerungen, und das
traditionelle Leopoldinische Regierungssystem (ein zudem sehr über
schätztes System des »erleuchteten Despotismus«) ward aufgegeben und
bekämpft. Man hörte fortwährend von Verurtheilungen Solcher, welche
Bibeln oder methodistische Tractätchen gelesen ! (An den bekannten
Fall der Eheleute Madiai reiheten sich noch viele ähnliche.) — In dem
kleinen Lande zählte man 1855 314 Klöster mit 3,240 München und
4,173 Nonnen, ausserdem 10,031 Weltgeistliche.