Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel III. Die Solidaristen. 
657 
progressive Besteuerung der Erbschaften und Einkommen — all dies 
segelt unter der Flagge der Solidarität und wird auch in Zukunft unter 
ihr segeln. Daher nennt man auch alle diese Gesetze „Gesetze sozialer 
Solidarität“. — Aber nicht allein die Arbeiter gewinnen von diesem neuen 
Prinzip. Auch die protektionistische oder nationalistische Partei beruft 
sich auf die „Solidarität“. Sie ist es sogar, die vor allen Anderen und zu 
sammen mit den Mutualisten dieses Wort am meisten in ihrem Programm 
anwendet. Wenn sich die Steuerzahler beklagen, daß man ihnen Geld 
abverlangt, um gewissen Eigentümern oder Fabrikanten Prämien zu 
gewähren, oder wenn die Verbraucher darüber seufzen, daß sie infolge 
der Einfuhrzölle die Produkte teurer bezahlen müssen, so stopft man 
ihnen sogleich den Mund mit dem Hinweis, daß sie aus Solidaritätsgefühl 
ihren Landsleuten den Vorzug zu geben haben 1 ). 
Auch die fiskalische Reform, mit ihrem doppelten Charakter einer 
Progressivsteuer am Gipfel und vollständiger Abgabenfreiheit an der 
Basis, beruft sich auf das Prinzip der Solidarität, denn diese Reform 
rechtfertigt die Progression als gerechte Entschädigung, geschuldet von 
denen, die die Früchte vom Baum der Zivilisation gepflückt haben, an 
die, durch deren Arbeit er gewachsen ist; und ebenso rechtfertigt sie die 
Abgabenfreiheit, indem sie ausführt, daß man von den Enterbten nichts 
verlangen kann, da im Gegenteil sie es sind, die umgekehrt das Recht 
haben, eine Forderung gegen die Gesellschaft geltend zu machen. 
Was aber den praktischen Solidarismus vom Staatssozialismus trotz 
ihrer nahen Verwandtschaft unterscheidet, ist, wie wir schon erwähnt 
haben, daß er sich ebensogut und besser durch die Vergesellschaftung 
verwirklichen läßt, die er mit neuer Lebenskraft erfüllt hat. Syndi 
kalisten, Mutualisten, Genossenschaftler, sie alle berufen sich auf die 
Solidarität, aber auf die freie Solidarität, und nicht mehr auf die er 
zwungene Solidarität des Staatssozialismus 1 2 ). Nicht, daß sie nicht in 
vielen Fällen die Notwendigkeit, ja sogar die Überlegenheit der letzteren 
1 ) Man hat letzthin eine ziemlich merkwürdige Anwendung dieser „nationalen 
Solidarität“ erfunden. Von jetzt an soll die Regierung keine ausländischen Anleihen 
Frankreich gestatten dürfen, wenn die betreffenden Länder sich nicht verpflichten, 
willen Teil ihrer Aufträge der französischen Industrie vorzubehalten. Dies läuft auf 
°hie Verbindung des französischen Rentiers und Industriellen auf Grund einer er 
rungenen Solidarität hinaus, indem der erste sein Geld nur ausleihen darf, wenn es 
zum Teil in der Form einer Bezahlung seiner Produkte wieder an den zweiten zurück- 
üießt. Und dann kommt ihrerseits die Arbeiterklasse, die mit Recht ihren Teil am 
Schutzzoll in Form eines garantierten Minimallohnes verlangt! 
2 ) Die Lehre vom Quasi-Kontrakt kann ebensogut zu dem Einen wie zum Anderen 
führen. Auch scheint Leon Bourgeois selbst jetzt mehr zur Vergesellschaftung zu 
feigen. „Die radikale Partei hat eine soziale Doktrin. Diese Doktrin läßt sich in einem 
" 01 't zusammenfassen: die Assoziation“ (Vorwort zu dem Buch Buisson’s: La 
°btique radicale). 
Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungcn. 2. Aufl. 42
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.