Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Interessen,  und  das  heißt  zusammengefaßt:  diejenigen  des  mobilen  Eigentums, ­
  haben  nicht,  wie  in  den  westlichen  Ländern,  Zeit  gehabt,  ihre  Verästelungen ­
  durch  alle  Klassen  der  Gesellschaft,  selbst  die  der  Bauern
und  Arbeiter,  zu  erstrecken.  Was  das  ländliche  Großgrundeigentum
anlangt,  so  bilden  seine  Vertreter  eine  notwendigerweise  jeder  Erhebung
der  armen  ländlichen  Klassen  auf  Gnade  und  Ungnade  ausgelieferte
Minderheit.  Unter  solchen  Umständen  ließ  das  gleichzeitige  Verschwinden
der  allgemein  verhaßten  zaristischen  Bureaukratie  und  des  Heeres,  das
ihr  als  Stütze  gedient  hatte,  freien  Spielraum  für  eine  Partei,  die  sich
auf  die  gewalttätigsten  und  einfachsten  Gefühle,  diejenigen  „der  Arbeiter
und  der  ärmsten  Bauern“  stützte 1 ).
Wenn  man  nun,  trotz  alledem,  in  der  Doktrin  Lenin’s  mehr  erblicken
will,  als  ein  fadenscheiniges  Mäntelchen,  das  die  Blöße  der  „Eroberung
der  öffentlichen  Gewalt“  verhüllen  soll,  und  wenn  man,  um  sein  Urteil
zu  fällen,  von  jedem  nicht  in  ihr  selbst  enthaltenen  Gesichtspunkt  abstrahiert, ­
  so  kann  man  an  sie  in  ökonomischer  und  moralischer  Hinsicht
nur  zwei  Kriterien  anlegen:
Da  sie  behauptet,  eine  überlegene  Ordnung  der  Gütererzeugung
einzuführen,  muß  man  fragen,  ob  der  durchgeführte  Versuch  die  Behauptung ­
  bestätigt?
Da  sie  behauptet,  die  Ungerechtigkeit  der  Unterdrückung  der  Mehrheit ­
  durch  die  Minderheit  durch  die  nach  ihrer  Ansicht  geringere  Ungerechtigkeit ­
  der  Unterdrückung  der  Minderheit  durch  die  Mehrheit
zu  ersetzen,  so  muß  man  fragen,  ob  sie  sicher  ist,  die  Mehrheit  wenigstens
hinter  sich  zu  haben?  Und  ob  sie  es  wirklich  aufrichtig  will?
Auf  die  erste  Frage  scheint  die  Geschichte  bereits  heute  ihr  Urteil
gesprochen  zu  haben.
Was  aber  die  zweite  anlangt,  so  ist  Lenin  offenbar  durchaus  nicht
davon  überzeugt,  die  Bestrebungen  und  Wünsche  der  Mehrheit  zu  vertreten. ­
  „Die  Diktatur  des  Proletariats,  sagt  er,  ist  die  Erhöhung  der
Avant-garde  der  ausgebeuteten  Klassen  in  die  Stellung  als  herrschende
Klasse  zum  Zwecke  der  Vernichtung  der  Exploiteure“  (S.  134).  An  anderer
Stelle  (S.  41/2)  rechtfertigt  er  die  Diktatur  nicht  nur  mit  der  Notwendigkeit, ­
  den  Widerstand  der  Ausbeuter  zu  zermalmen,  sondern  auch  mit  der
Notwendigkeit,  „die  große  Masse  der  Bevölkerung,  der  Bauern,  der  Kleinbürger ­
  und  der  Halbproletarier  während  der  Einrichtung  der  sozialistischen
Wirtschaftsordnung  zu  lenken.“  Das  heißt  also,  daß  diese  große  Masse
nicht  freiwillig  Gefolgschaft  leistet.  Wo  aber  kann  man  dann  die  Rechtfertigung ­
  dieser  neuen  Oligarchie  entdecken?

An  diese  beiden  Kategorien  von  Personen  appelliert  Lenin  andauernd.
            
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