Kapitel I. Die Physiokraten.
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Relativität, der Wert doch stets eine wirkliche innere Qualität des Objekts
„zur Voraussetzung hat“. Er will aber mit diesen, ihm oft vorgeworfenen
Worten nach unserer Ansicht nur sagen, daß unser Wunsch eine bestimmte
Eigenschaft des Objekts voraussetzt, was unbestreitbar ist, — jedoch in
der Annahme, daß diese Eigenschaft in der Einbildung bestehen kann,
woran Turgot nicht gedacht zu haben scheint.
Möglich, daß Turgot Condillac inspiriert hat, möglich aber auch,
daß er selbst von Galiani inspiriert worden ist, dessen 20 Jahre früher
erschienenes Bu.ch, das er übrigens zitiert, schon eine sehr feine psycho
logische Analyse des Wertes enthält, die ihm Nützlichkeit und Seltenheit
als Grundlage gibt. Diese Ansichten über den Wert sind nicht die einzigen,
die, Turgot von den Physiokraten trennen: es gibt noch viele andere, so
d<kß es gerechter und genauer wäre, Turgot ein besonderes Kapitel zu
Widmen 1 ). Allgemein gesprochen, sind sie moderner und nähern sich denen,
'die Adam Smith aufgestellt hat. Aus Raummangel müssen wir uns damit
begnügen, die hauptsächlichsten Lehren, in denen Turgot sich von den
Physiokraten unterscheidet, anzuführen:
1. der grundlegende Gegensatz zwischen der Produktivität der Land
wirtschaft und der Sterilität der Industrie wird, wenn nicht ganz auf
gegeben, so doch wenigstens in seiner Bedeutung sehr verringert;
2. das Großgrundeigentum verliert seinen Rang als eine Einrichtung
göttlichen Rechtes. Er verzichtet sogar darauf, sich auf die sog. Grund
vorschüsse zu berufen: es stützt sich nur noch auf eine Tatsache, die Besitz-
er greifung — Okkupation — und auf die öffentliche Nützlichkeit;
3. dagegen nimmt das bewegliche Eigentum, wie alle Erzeugnisse der
Arbeit, einen hervorragenden Platz ein. Die Rolle des Kapitals ist sorg
fältiger analysiert und die Rechtfertigung der Zinsen endgültig durch
geführt.
Die Ergänzung der Lücken und die Verbesserung der Irrtümer der
Physiokraten findet sich aber hauptsächlich in dem Buche, das der Abbe
Condillac, über 60 Jahre alt und als Philosoph schon berühmt, 1776
Veröffentlichte. Das Werk: Le Commerce et le Gouvernement con-
sid6r6s relativement l’un ä l’autre (Handel und Regierung in ihrem
gegenseitigen Verhältnis zueinander) ist ein wundervolles Buch, das im
Valeur estimative (den wir individuellen Wert nennen würden, valeur individuelle),
und dem angenommenen Wert (valeur appreciative, den wir sozialen Wert, valeur
sociale, nennen können). Der erstere wird von der Zeit oder Mühe, die wir dafür auf
zuwenden bereit sind, bestimmt, so daß hier der Begriff des Arbeitswertes (valeur-
travail) erscheint. Was den angenommenen Wert anlangt, so unterscheidet er sich
von dem anderen nur dadurch, daß er ein durchschnittlicher Schätzungswert — valeur
estimative moyenne — ist“.
0 Obschon sich Turgot einen Schüler Quesnay’s nannte, hat er sich doch stets
abseits der physiokratischen Schule gehalten, die er etwas wegwerfend als Sekte be-
zeiclinete.