Kapitel II. Adam Smith.
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denn das Charakteristikum der damaligen englischen Volkswirtschaft war
gerade (trotz offensichtlicher Fortschritte in der Industrie), weniger die
Manufaktur als der Großhandel 1 ). Glasgow im besonderen, wo Smith
die meisten seiner Beobachtungen gesammelt haben muß, war noch fast
ausschließlich eine Handelsstadt, deren Hauptfunktion darin bestand, als
Niederlage für die Einfuhr des amerikanischen Tabaks zu dienen 2 ).
Das Werk Smith’s ist weit davon entfernt, eine prophetische An
kündigung der neuen industriellen Gesellschaft, die sich vorbereitete, zu
sein. Man bemerkt in ihm im Gegenteil, auch bei oberflächlichem Durch
lesen, daß ihm die „Kaufleute und Fabrikanten“ ungemein antipathisch
waren. Gegen sie wenden sich seine Sarkasmen und seine Kritik. Während
die Interessen der Großgrundbesitzer und der Arbeiter ihm fast immer
als in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Interesse des Landes er
scheinen, fallen die der Kaufleute und der Fabrikanten, sagt er „niemals
ganz mit dem öffentlichen Interesse zusammen“; „sie haben gewöhnlich
ein Interesse daran, das Publikum zu täuschen und sogar zu drücken“;
auch „haben sie es wirklich bei vielen Gelegenheiten getäuscht und ge
drückt“ 3 ).
Zwischen den Kapitalisten und den Arbeitern schwankt Adam Smith
nicht. Aus mehr als einer Stelle wird leicht ersichtlich, daß alle seine
Sympathien den Arbeitern gehören. Man könnte zahlreiche Stellen hierfür
anführen. Es möge genügen, die verschiedene Art und Weise zu erwähnen,
in der er von den hohen Löhnen der Arbeiter und dem großen Gewinn der
Kapitalisten spricht. Sind die hohen Löhne der Gesellschaft vorteilhaft
°der nicht? fragt er. „Die Antwort scheint beim ersten Anblick außer
ordentlich einfach. Dienstboten, Tagelöhner und Arbeiter aller Art machen
den bei weitem größten Teil jeder Staatsgesellschaft aus. Was nun aber
die Umstände des größten Teiles verbessert, kann nicht als ein Nachteil
des Ganzen angesehen werden. Es kann sicherlich eine Gesellschaft nicht
blühend und glücklich sein, deren meiste Glieder arm und elend sind.
Überdies ist es nicht mehr als billig, daß diejenigen, die den ganzen Körper
des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versorgen, an dem Er-
*) Siehe auch das Werk MantoUx’s: „La Revolution industrielle au
XVIII. siecle, Paris 1906, S. 71.“ „Man würde sich irren,“ schreibt er, „wenn man
glaubt, daß die Manufaktur eine charakteristische und vorherrschende Erscheinung
d er Periode ist, die der der großen Industrien vorangeht. Wenn sie, logischerweise,
d'e Vorstufe des Fabriksystems ist, so ist es doch, geschichtlich, nicht richtig, daß
®>e so allgemein auftrat, um der Industrie ihr Merkmal aufzudrücken. So sehr ihr Auf
kommen zur Zeit der Renaissance ein bedeutendes und bezeichnendes Ereignis war,
so sehr bleibt ihre Rolle — wenigstens in England — für die folgenden Jahrhunderte
eine untergeordnete.“
2 ) Rae, Life of A. Smith, S. 89.
a ) Völkerreichtum I, S. 150, B. I, Kap. XI am Ende.