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Erstes Buch. Die Begründer.
Schmelzung zusammen lebten, so müssen sie doch von dem Geschichts
schreiber der ökonomischen Lehren sorgfältig auseinander gehalten werden.
Die Spontaneität der wirtschaftlichen Einrichtungen und ihr wohl
tätiger Charakter standen bei A. Smith in enger Wechselbeziehung. Im
18. Jahrhundert hielt man gern alles für gut, was natürlich und ursprüng
lich war. Natürlich, gerecht, vorteilhaft sind Ausdrücke, die mp.n damals
als Synonyme anwendete. Auch Smith hat sich dieser Gedankenver
bindung nicht entziehen können. Indem er den „natürlichen“ Ursprung
der wirtschaftlichen Einrichtungen dartat, glaubte er zugleich ihren nütz-
liehen und wohltätigen Charakter zu beweisen 1 ). Heute ist diese Ver
wirrung nicht mehr gestattet: den Ursprung der wirtschaftlichen Ein
richtungen wissenschaftlich festzustellen, und ihren Wert vom Gesichts
punkt der Allgemeinheit aus zu beurteilen, sind zwei gleich berechtigte,
aber sehr verschiedene Ziele geistiger Tätigkeit. Man kann mit Smith
annehmen, daß unsere wirtschaftliche Gesellschaft in ihrem Ursprung
und ihrer Funktion etwas von der Spontaneität der großen natürlichen
Entwicklungen hat, — ohne deshalb zuzugeben, daß sie die beste aller
möglichen sei. Der Pessimismus kann ebensogut wie der Optimismus sich
aus dem Anblick des spontanen wirtschaftlichen Lebens ergeben. So sehr
uns auch der Gedanke von der Selbstentstehung der grundlegenden wirt
schaftlichen Einrichtungen richtig und fruchtbar zu sein scheint, so sehr
scheint uns die von Smith gegebene Darlegung ihres wohltätigen Charakters
ungenügend. Die erste ist von den größten Nationalökonomen angenommen
worden. Die zweite wird heute von fast allen verworfen. Wir werden daher
diese beiden Ideen, die eine bedeutende Rolle in der Geschichte der ökono
mischen Lehren gespielt haben, gesondert betrachten.
Der Gedanke der Selbstentstehung der wirtschaftlichen Einrichtungen
ist einer von jenen, auf die Smith am häufigsten zurückkommt. ,,U mondo
va da se“, die Welt geht von selbst, könnte er mit den Physiokraten
gesagt haben. Sie brauchte, um sich zu organisieren, keines Dazwischen-
tretens eines vorsorgenden und vernünftigen Kollektivwillens, keines vor
hergehenden Einverständnisses zwischen den Menschen.
Diesen Gedanken ruft das Studium der ökonomischen Welt in
A. Smith stets von neuem wach. Die spontanen Handlungen von tausenden
und abertausenden Einzelpersonen, die eine jede für sich ihre eigenen
Wege gingen, ohne sich um die anderen zu kümmern, und die keine Ahnung
davon hatten, welche sozialen Ergebnisse ihre Taten zeitigen sollten,
haben genügt, um dem wirtschaftlichen Leben sein heutiges Aussehen z«
geben. In seinen großen Zügen ist das bestehende ökonomische Weltbild
nicht nach einem bestimmten Gesamtplan eines organisatorischen Ge-
') Vgl. über den Zusammenhang des Systems von A. Smitii mit der Philosoph 16
seiner Zeit W. Hasbach: Die allgemeinen philosophischen Grundlagen d eT
von F. Quesnay und A. Smith begründeten politischen Ökonomie, Leipzig 1890-