7 Schreiner, Die Frau
97
arbeiten befähigenden Gehirn- und Nervenbeschaffenheit
und den Geschlechtsfunktionen eines Individuums. Es mag
sein, so unerklärlich es auch scheint, daß sich schließlich
irgendein Zusammenhang findet zwischen dem Gehirn- und
Nervenzustand, der das Individuum, sagen wir, zum Studium
der Mathematik befähigt, und der Natur seiner Geschlechts
attribute. Die bloße Tatsache aber, daß von der Handvoll
Frauen, die sich bisher abstrakten Studien widmen durf
ten, einige sich in der höheren Mathematik auszeichneten,
beweist noch nicht notwendig, daß das weibliche Ge
schlecht für mathematische Fächer eine höhere Eignung
als etwa für Staatswissenschaften, für Recht oder Verwal
tung besitze, Gebiete, zu welchen Frauen bisher tatsächlich
noch keinen Zutritt erhielten. Man behauptet manchmal,
weil einige geniale Frauen der neueren Zeit ihre schöp
ferische Kraft in der Erzählungskunst zum Ausdruck zu
bringen suchten, daß ein innerer Zusammenhang im mensch
lichen Gehirn bestehen müsse zwischen den Geschlechts
funktionen des Eierstocks und der Kunst der Erzählung.
Tatsächlich verhält es sich vielmehr so: Da die moderne
Erzählungskunst eine bloße Beschreibung des mensch
lichen Lebens in seinen verschiedenen Phasen und die ein
zige Kunst ist, die keiner speziellen Schulung und beson
derer Vorkehrungen bedarf, kann die Frau sie in jenen
Momenten ausüben, die sie den mannigfaltigen, ihr Leben
ausfüllenden, geisttötenden Beschäftigungen abstiehlt.
Und so wurde sie auf diesen Ausweg, als den einzigen,
der sich ihren Kräften bot, gedrängt. In welchen ande
ren Richtungen ihre Begabung bei naturgemäßer Ent
wicklung zum Ausdruck gelangt wäre, ist ihr selbst nur
teilweise bewußt, und was die Welt durch dieses in eine
bestimmte Richtung Zwingen von Begabungen, die viel
leicht in dieser Ausdrucksform nicht ihre naturgemäßeste
oder nicht ihre einzige Form gefunden haben, verloren
bat, kann niemand berechnen. Selbst in den unbedeuten