Full text: Die Frau und die Arbeit

den Novellistinnen dritten Ranges, deren Produktionenden 
Markt überschwemmen, können wir oft eine ergreifende 
Erscheinung erblicken, wenn wir ahnen, daß unter ihren 
mißlungenen künstlerischen Versuchen die Begabung eines 
tüchtigen Gesetzgebers, eines geschickten Architekten, eines 
originellen wissenschaftlichen Forschers oder eines guten 
Richters begraben liegen mag. Wissenschaftlich ist ein or 
ganischer Zusammenhang zwischen dem weiblichen Ge 
hirn und der Erzählungskunst ebensowenig bewiesen, wie 
ein organischer Zusammenhang zwischen der weiblichen 
Hand und der Schreibmaschine. Beide, die Schriftstellerin 
wie die Stenotypistin, suchen jede innerhalb ihrer Sphäre 
ihren Kräften ein Ventil zu öffnen in der Richtung des 
schwächsten Widerstands. Die momentane Tendenz der 
Frauen zu bestimmten Arbeitsformen beweist nichts, als 
daß in dem verworrenen, eingeengten, gebundenen Zu 
stand der Frau der Gegenwart dies die Richtungen sind, 
in denen ihr eine Tätigkeit am ehesten möglich wird. 
Möglich, daß in späteren Zeiten, wenn Mann und Frau 
geistig gleich vorgebildet sind, die gleiche Erziehung, 
gleiche Anregung und gleiche Entlohnung erhalten wer 
den, ein oder die andere Fähigkeit als parallel laufend 
mit der Art der Geschlechtsfunktionen erkannt werden 
wird, sobald man die Menschheit als Ganzes betrachtet. 
Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Historiker der Zu 
kunft, der auf unzählige Generationen geistig befreiter 
und tätiger Geschlechter zurückblicken wird, bei sorgfälti 
ger, ausgedehnter Vergleichung eine entschiedene Eig 
nung des weiblichen Intellekts für Mathematik, Technik 
oder Politik und ebenso etwa eine ausgesprochene Nei 
gung des männlichen Geistes für Schauspielkunst, Musik 
oder Astronomie erkennen wird. Aber in der Gegenwart 
haben wir keinerlei ausreichende wissenschaftliche An 
haltspunkte, aus denen derartige Schlüsse zu ziehen wären, 
und jeder Versuch einer Teilung der Arbeitsgebiete in
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.