Full text: Die Frau und die Arbeit

Wissenschaft erweisen, welche geistigen Fähigkeiten da 
hin neigen, mit den sexuellen Organen zu variieren, und 
nichts im gegenwärtigen oder vergangenen Zustand von 
Mann und Frau gibt uns mehr als die allerleisesten An 
deutungen einer Möglichkeit der Relation zwischen geisti 
gen Anlagen und Geschlechtsfunktionen. Und selbst wenn 
durch jahrhundertelange Erfahrungen erwiesen wäre, daß 
mit den weiblichen Geschlechtsfunktionen mehr Neigung 
zu außerordentlichen Fähigkeiten in mathematischen als 
in naturwissenschaftlichen Fächern zusammenfällt oder 
mehr Eignung für Politik als für technische Erfindungen, 
wenn es erwiesen wäre, daß im allgemeinen von zwanzig 
tausend Frauen, die sich dem juristischen, und zwanzig 
tausend, die sich dem medizinischen Studium widmen, eine 
verhältnismäßig größere Zahl auf dem Gebiete der Rechts 
kunde etwas leistet, so wäre noch immer kein gesunder und 
vernünftiger Grund vorhanden, die Tätigkeit der einzelnen 
Frau auf die Richtung zu beschränken, in der die Frau 
durchschnittlich öfter Hervorragendes zu leisten schien.* 
Daß auch nur ein Individuum in einer Gesellschaft von 
derjenigen Arbeit, für die es am besten geeignet ist, aus 
geschlossen sein soll, bedeutet einen unnötigen Ausfall in 
dem geistigen Besitzstand der Gesellschaft. Wenn ein 
männlicher Fröbel an seiner Arbeit als Pädagoge ge 
hemmt oder verhindert worden wäre, weil Kindererziehung 
als Gebiet der Frau galt, oder nur eine Frau, die die 
Gabe zum Staatsmann besitzt, gezwungen sein soll, im 
Kindergarten zu unterrichten, wozu sie vielleicht nicht die 
* Wer nicht scharf zu unterscheiden versteht, ist immer geneigt, den 
nur scheinbaren Zusammenhang für Ursache und Wirkung zu nehmen. 
Wie oft hören wir ernsthaft behaupten, daß der Irländer mit Kartoffeln, 
Schweinen und Lehmhütten organisch verwachsen sei; wer aber in den 
Kolonien gelebt hat, weiß, daß innerhalb zweier Generationen, der besser 
erzogene Abkömmling des Lehmhüttenbewohners oft ein erfolgreicher 
Politiker, ein wohlhabender Finanzmann oder guter Richter wird und 
nicht mehr Vorliebe für Kartoffel, Schweine und Lehmhütten bewahrt 
als ein Abkömmling irgend einer andern Rasse. 
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