Bai 55 - 8. 7. 5 8.
8 Schrriner, Die Frau
13
menschlichen Körpers, das, wenn der Ausdruck hier gestattet
ist, geistigste Sinnesorgan, so finden wir es bei Mann
und Frau in allen Perioden des Lebens gleich in Bau, Aussehen
und Funktion. Während die Brust, die enge Beziehung
zur Fortpflanzung hat, wohl in der Kindheit bei beiden Geschlechtern
gleich ist, sobald aber der Fortpflanzungstrieb
wirksam wird, eine weit verschiedene Gestalt annimmt.
Wenden wir uns zu den verschiedenen Phasen des psychischen
Lebens, so zeigen sich genau analoge Erscheinungen.
Bei der Geburt des Kindes unterscheiden sich Verstand,
Empfindungen und Triebe in keiner wahrnehmbaren
Weise, ob das Geschlecht nun männlich oder weiblich ist.
Und jene psychischen Verschiedenheiten, die in der späteren
Kindheit scheinbar bestehen, sind unzweifelhaft großenteils
das Resultat künstlicher Anerziehung, welche psychische
Geschlechtsverschiedenheiten viel früher aufzwingt
als sie naturgemäß in Erscheinung träten. So, wenn Spiele
und Beschäftigungen kleinen Kindern auf Grund ihrer angeblichen
geschlechtlichen Nichteignung verboten werden,
wenn man kleine Mädchen gewaltsam vom Klettern oder
Lärmen abhält oder Knaben davon, sich mit Nadel und
Faden oder mit Puppen zu unterhalten. Selbst beim ganz
erwachsenen Menschen, ungeachtet der Verschiedenheit
der Erziehung, scheinen die psychischen Funktionen auf
weiten Gebieten des Lebens absolut die gleichen. Das
männliche wie das weibliche Gehirn eignet sich Sprachen
an > löst mathematische Probleme, beherrscht wissenschaftliche
Einzelheiten in ganz ununterscheidbarer Weise, was
durch die an modernen Universitäten von männlichen
und weiblichen Studenten gelieferten schriftlichen Arbeiten,
die in der Regel den genau gleichen Charakter
Vagen, bewiesen ist. Unter gleichen äußern Verhältnissen
ist der Geschmack und das Empfinden auf weiten
Lebensgebieten gleich, und in unzähligen Fällen, in
denen scheinbar Geschlechtsverschiedenheiten bestehen,