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schäften zeigte, die gewöhnlich als spezifisch weiblich an
gesehen werden, waren die Weibchen andererseits unter
einander viel kampflustiger als die Männchen.
Gewöhnlich sind bei den Säugetieren, abgesehen von der
größeren Kampflust der Männchen untereinander und der
größeren Sorgfalt, welche die Weibchen meistens, wenn
auch nicht immer, den Jungen gegenüber beweisen, die
psychischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht
groß. Wenn man Jagdhunde beobachtet, so findet man,
daß bei den jungen Hunden zwischen männlichen und
weiblichen ebensowenig Unterschied in geistiger wie kör
perlicher Beziehung besteht, und wenn sie dann erwachsen
zur Jagd kommen, diesem großen, außergeschlechtlichen
Gebiet, auf dem sie ihre größten geistigen und körper
lichen Fähigkeiten entfalten, so zeigt sich wenig oder nichts,
worin sich Männchen und Weibchen sachlich unterschei
den würden; ihre Art und Weise zu jagen und ihre Ge
schwindigkeit ist die gleiche, in ihrer Anhänglichkeit an
den Menschen sind sie genau dieselben.* Erst in dem Mo
ment, wo das Element der Fortpflanzung ins Spiel kommt,
hört die Ähnlichkeit und Gleichartigkeit auf. An Intensi
tät des erwachenden Geschlechtstriebs sind sie gleich; die
Hündin springt aus dem Fenster, klettert über Mauern und
scheut selbst Lebensgefahr nicht, um zu dem Männchen zu
gelangen, das sie erwartet, und dasselbe tut das Männchen,
das sie gewinnen will. Aber wenn die Hündin daliegt mit
ihren sechs Jungen, die Leben aus ihrer Brust saugen, mit
angstvoller, gespannter Aufmerksamkeit nach jeder Hand
blickt, die die Jungen berühren will, eine Welt von Emp
findungen sich auf die blinden Geschöpfchen konzentriert
und ein ganz neuer Komplex geistiger Fähigkeiten zutage
tf itt, indem sie für sie sorgt — da ist es, wo die seelische
* Es wird oft behauptet, daß die Hündin intelligenter wäre, aber ich
möchte dies nach langen und genauen Beobachtungen von männlichen
und weiblichen Hunden bezweifeln.