Wer in der Frauenbewegung unserer Tage eine geistige
Bewegung der Frau gegen den Mann oder weg vom Manne
erblickt, hat manche von den wichtigsten Erscheinungen in
unserer modernen Welt übersehen.
Wii nannten die Frauenbewegung unserer Zeit das Streben
von seiten der Frau zivilisierter Völker, neue Arbeitsformen
anstatt der alten ihr entschwindenden zu finden,
einen Versuch, dem Parasitismus und der untätigen völligen
Abhängigkeit von ihren Geschlechtsfunktionen zu entgehen.
Aber von einer andern Seite betrachtet, könnte
man die Frauenbewegung mit ebensoviel Recht einen Teil
der großen Bewegung nennen, welche die Geschlechter zueinander
führt, ein Streben nach gemeinsamer Tätigkeit,
gemeinsamen Interessen, gemeinsamen Idealen und nach
einer tiefer gegründeten und unzerstörbareren Gefühlsübereinstimmung
zwischen den Geschlechtern, als die Welt sie
je gesehen.
Hingegen wird, und nicht ohne tiefe, zugrundeliegende
Wahrheit, eingewendet werden: Wie kommt es, daß bei
einer solch nahen Berührung der Linien, innerhalb deren
sich die fortgeschrittenen Männer und Frauen entwickeln,
doch in unserer modernen Gesellschaft und oft gerade in
jenen typisch fortgeschrittensten Klassen heute so viel Unrast,
Disharmonie und sexuelle Not besteht?
Die Antwort auf diesen treffenden Einwand ist, daß diese
Disharmonien, dieses Ringen und die daraus folgenden
Leiden, welche unzweifelhaft innerhalb der Welt der Geschlechtsbeziehungen
und -ideale unserer Zeit bestehen,
nicht einer Disharmonie der Geschlechter als solche entspringen,
sondern ein Teil der allgemeinen Umwälzung
sind, der Konflikte zwischen alten und neuen Idealen, ein
Ringen, welches auf allen Lebensgebieten in der modernen
Gesellschaft vorherrscht und in welchem der entscheidende
Faktor nicht das Geschlecht, sondern der Entwicklungsgrad
ist, den die Rasse oder das Individuum erreicht hat.
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