Full text: Die Frau und die Arbeit

Es kann nicht zu oft gesagt werden, selbst auf die Gefahr 
ermüdender Wiederholungen hin, daß unsere Gesellschaft 
sich im Stadium rapider Entwicklung und Umwandlung 
befindet. Die sich fortwährend wandelnden materiellen 
Lebensbedingungen mit ihrer Reaktion auf das Denken 
und Fühlen in allen menschlichen Angelegenheiten macht 
unsere Gesellschaft zu der kompliziertesten und vielleicht 
bewegtesten und unsichersten, die je dagewesen. Als Folge 
dieser Wandlungen und Verwicklungen muß fortwährend 
ein hoher Grad von Disharmonie und folglich von Leid 
entstehen. 
In einer stationären Gesellschaft, in der eine Generation 
der andern durch Jahrhunderte, ja vielleicht durch Jahr 
tausende unter geringen oder gar keinen Veränderungen 
der materiellen Verhältnisse folgt, haben sich die An 
sprüche, Institutionen und moralischen Grundsätze der 
Menschen, ihre religiösen, politischen, häuslichen und 
sexuellen Einrichtungen nach und nach in Einklang mit den 
Verhältnissen gestaltet, und eine gewisse Harmonie, Gleich 
artigkeit und Ruhe herrscht in der Gesellschaft. 
In Zeiten von solch raschem Wechsel der Zustände wie in 
unserer modernen Gesellschaft, wo nicht bloß jedes Jahr 
zehnt, sondern jedes Jahr und fast jeder Tag neue Kräfte 
und Bedingungen ins Leben ruft, sind nicht nur viele Leiden 
und soziale Gebrechen, wie sie jeder rasche, ungewöhnliche 
und plötzliche Umschwung in einem Organismus mit sich 
bringt, unausweichlich, sondern die neuen Zustände, die 
mit verschiedener Stärke auf die verschiedenen Individuen, 
je nach ihrer Stellung und Intelligenz einwirken, erzeugen 
eine Gesellschaft von so erstaunlicher Kompliziertheit und 
Ungleichheit ihrer einzelnen Teile, daß die tiefsten Risse 
und Disharmonien zwischen den Individuen die Folge 
sein müssen. Und die sexuellen Ideale und Verhältnisse 
haben Teil an diesem allgemeinen Zustand. 
In einer primitiven Gesellschaft, in der (wenn eine einiger 
es
	        
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