Full text: Die Frau und die Arbeit

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oder wie der „schwarze Tod“ von 1349, der in England 
allein mehr als die Hälfte der Inselbewohner dahinraffte, 
nur extreme Formen der chronischen Menschenvernichtung 
durch Infektionskrankheiten; dazu waren die Kriege nicht 
nur weit häufiger, sondern zerstörten infolge der Hungers 
nöte, die sie fast unfehlbar nach sich zogen, noch viel 
mehr Menschenleben, als in unsern Tagen, und gewaltsame 
Tötungen sowohl seitens des Staates, als infolge persön 
licher Feindseligkeiten waren etwas Alltägliches in allen 
Ländern. Unter diesen Verhältnissen würde die Enthal 
tung der Frauen von unablässigem Kindergebären fast zu 
denselben ernsten Folgen der Verminderung oder selbst 
des Aussterbens ihres Volkes geführt haben; wie in der Pe 
riode der Wildheit. Auch hing der Bestand der Zivilisation 
dieser Zeit von der Hervorbringung einer immensen Zahl 
von Individuen ab, die sich als Lasttiere mit ihrer rohen 
Muskelkraft in den Dienst der Landarbeit und des Gewerbes 
stellten und ohne die jene Zwischenstufen der Zivilisation 
bei dem Mangel von Maschinen unmöglich gewesen wären. 
Zwanzig Männer mußten geboren, an der Mutterbrust ge 
nährt und aufgezogen werden, um jene grobe Arbeit zu 
verrichten, die heute ein kleiner, gut gebauter Dampfkrahn 
leistet, und der Bedarf an großen Massen menschlicher 
Geschöpfe als bloße Kraftreservoire zur Verrichtung der 
einfachsten Prozesse war eine Notwendigkeit. So stark war 
tatsächlich das Bewußtsein der gesellschaftlichen Not 
wendigkeit fortwährenden Gebärens durch die Frau, daß 
Luther noch in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts 
schrieb: „Wenn eine Frau erschöpft wird und endlich 
stirbt, weil sie Kinder gebärt, so tut es nichts; laßt sie 
nur am Gebären sterben, denn dazu ist sie da,“ und er gab 
damit zweifellos, wenn auch in einer etwas ungeschliffenen 
und brutalen Form, einer Anschauung Ausdruck, die von 
der Mehrzahl seiner Zeitgenossen, Männern wie Frauen, 
geteilt wurde.
	        
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