nicht darüber hinwegsehen, daß eine Macht, die keiner Aufsicht unterworfen
ist, eine stete Gefahr für das innere Leben des Volkes und für den inter-
nationalen Frieden bedeutet. In seiner stark schwankenden „Unfehlbarkeit“
lenkt des Haupt der Regierung die Geschicke der Nation.
Im Jahre 1911 bekämpfte er mit anti-militaristischer und revolutionärer
Schärfe die Unternehmung in Lybien; 1913 bereitete er revolutionäre Be-
wegungen vor; 1914 entfesselte er den Aufruhr der sogenannten roten Woche
und hetzte die proletarischen Massen zum Angriff auf den Kapitalismus.
Im Jahre 1914 widersetizte er sich heftig dem Krieg; 1915 verherrlichte
er ihn; 1919 organisierte er den Fascismus als eine Erhebung gegen Mo-
narchie und Kapitalismus; dann verwandelte er ihn in eine reaktionäre
Bewegung. Am Vorabend des Marsches auf Rom im Jahre 1922 erklärte er
sich noch als Republikaner, und einige Tage später, als er die Regierung an
sich gerissen hatte, nannte er diejenigen Verräter, welche einen Teil des fas-
cistischen Programms von 1919 in gemäßigter Form ausriefen. Die An-
hänger der absoluten Monarchie von Gottes Gnaden konnten sich wenig-
stens auf die Beständigkeit und Unveränderlichkeit ihrer Grundsätze stützen.
Welche Veränderungen aber wird der Fascismus noch bringen, da in Italien
keinerlei Opposition mehr vorhanden ist? Wird Mussolini gegenüber etwaigen
populären Strömungen noch gar Kommunist werden? Wird er plötzlich auf
seine Anfänge zurückgreifen? Wie man ihn auch beurteilen mag, Mussolini
ist für unsere Zivilisation kein Vorläufer, sondern nur ein Nachläufer. Er
wiederholt in Sprache, Ausdrucks- und Handlungsweise weit zurückliegende
Formen primitiver Kulturen. Er ist nicht nur weit entfernt von jeder ‘Zu-
kunftsidee, sondern auch von der heutigen Zivilisation. Er ist ein Mann des
14. Jahrhunderts inmitten einer schwankenden und unentschlossenen Menge.
Er ist nicht ein Mann der fernhin geht, sondern einer, der fernher kommt.
Welches sind nun die Grundsätze des Fascismus, die der Menge als eine
verehrungswürdige Idee des fascistischen Staates und seiner Macht erscheinen
können? Die Organisation einer bewaffneten Macht bedeutet kein Programm
und noch weniger ein Ideal; sie bedeutet nur einen vorübergehenden Zwang.
Niemand kann glauben, daß sich alle Freiheitsformen für längere Zeit unter-
drücken lassen, und noch weniger, daß man allen die gleiche Gesinnung oder
Formen zentralistischer Organisation dauernd aufzwingen könne, die noch
tyrannischer sind, als die des zaristischen Rußlands.
Die Führer des Fascismus haben immer erklärt, daß sie die öffentliche
Meinung gering schätzen, daß sie nur die Macht brauchen, keine ‚Zustim-
mung. Vor mehreren Jahrhunderten warnte der größte politische Schrift-
BA