Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Fünfter Teil. Verkehr. II. Post. 
Staatssekretär des Reichspostamts Dr. Heinrich Stephan unter dem 20. Oktober 
1884 die folgende Adresse:*) 
„Zehn Jahre sind in diesem Monat verflossen, seitdem hauptsächlich unter 
Ew. Exzellenz einsichtsvollem und energischem Antrieb zu Bern der Vertrag über 
die Gründung des „Allgemeinen Postvereins" zum Abschluß kam, der sich in den 
nächstfolgenden vier Jahren zu einem „W e l t p o st v e r e i n" auf Grund eines 
Vertrages von 33 Postverwaltungen entwickelte. Dann weiter sich ausbreitend, die 
Ausbildung des Postwesens in allen Ländern fördernd und befruchtend, billige 
und einheitliche Portosätze für die zwischen den Postgebieten zum Austausch ge 
langenden Briefe, Postkarten, Geschäftspapiere, Drucksachen, Warenproben herbei 
führend, den internationalen Päckereiaustausch erleichternd, hat diese großartige 
Institution allmählich fast alle Kulturgebiete der ganzen Erde umfaßt. Heute 
gehören dem Weltpostverein gegen 50 Länder und zahlreiche europäische Kolonien 
in den fernsten Weltteilen mit einer Gesamtbevölkerung von über 800 Millionen 
Seelen an.**) Es gibt kaum noch ein zivilisationsfähiges Land, welches sich der 
großen moralischen Eroberung des Weltpostvereins entziehen könnte. 
"Staunend und bewundernd sehen wir das mächtige Getriebe des Weltpost 
verkehrs, die mit jedem Jahre wachsenden Milliarden der beförderten Briefe, Post 
karten, Zeitungsnummern, die wachsenden Millionen von Wertbriefen, Postan 
weisungen, Postauftragsbriefen, Nachnahmesendungen, Wertüberweisungen, die rasch 
zunehmenden Millionenzahlen von Paketsendungen mit und ohne Wertangabe. Die 
Progression der Ziffern der den Postanstalten übergebenen Sendungen von Jahr 
zu Jahr im Weltpostvereinsgebiete ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen im 
abgelaufenen Iahrzehend und führt den evidenten Beweis, wie fruchtbar und 
folgenreich, sowohl in wirtschaftlicher als in moralischer Beziehung, sich der groß 
artige Plan gestaltet und erwiesen hat, dessen Ausführung wir vor allem Ew. 
Exzellenz Voraussicht, Beharrlichkeit und organisatorischem Talent verdanken. 
Ew. Exzellenz unablässiges Bemühen, die Einrichtungen im Postwesen möglichst 
vollkommen, die Dienste der Post so wohlfeil als möglich zu machen, gereicht zu 
einem nicht zu ermessenden Segen für alle wechselseitigen Beziehungen der zivili 
sierten Völker, für die Annäherung und Verständigung der Gedanken und Gesin 
nungen, für den gegenseitigen Austausch der Bedürfnisse, für die Hebung der 
intellektuellen und moralischen Bildung, für die Umwandlung feindlicher in freundliche 
Stimmungen der Nationen. Den Menschen der Jetztzeit ist nicht gegeben, alle 
segensreichen Folgen in der ferneren Zukunft zu ermessen, aber die Erfahrungen 
weniger Jahre gestatten uns die Folgerung, daß die von Ihnen kühn betretene 
und allen Völkern eröffnete Bahn an Früchten für den geistigen und materiellen 
Verkehr der Menschheit eine reichgesegnete sein wird. 
Entsprossen der in Kämpfen und heißen Schlachten errungenen Einheit des 
deutschen Vaterlandes, hat die von ihnen gepflegte und dann mit so vielem schönen 
Erfolge verwirklichte Idee des Weltpostvereins auch das deutsche Volk aus engeren 
Kreisen der Betrachtung, Beurteilung und Wirksamkeit hinausführen helfen auf 
einen umfassenderen Standpunkt, und wenn wir jetzt von Jahr zu Jahr unseren 
Gewerbe- und Handelsstand bemüht sehen, seinen Blick zu schärfen für die Gelegen 
heiten und Bedürfnisse des näheren und ferneren Auslandes, so ist nicht zu zweifeln, 
*) Rach einer beglaubigten Abschrift, die die Herren Altesten der Kaufmannschaft von 
Berlin freundlichst zur Verfügung gestellt haben. — G. M. 
**) Ende 1911 gehörten dem Weltpostvereine 52 Staaten und 86 Kolonien und Schutz 
gebiete mit einer Gesamtbevölkerung von 1272 664 522 Seelen an. (Freundliche Mitteilung 
des Bureau international de l’Union postale universelle zu Bern) — G. M.
	        
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