Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 593 
Am 16. Februar 1874 hielt diese Gruppe, angeblich so 
spät, weil man sich erst habe verständigen müssen, ihren Ein— 
zug im Reichstag. Es war sehr feierlich, die Bischöfe traten 
im Ornat an, nicht minder die fünf Pfarrer. Dann, nach— 
dem sie Platz genommen hatten, brachte der liberale Abgeordnete 
Teutsch aus Wingen im Unterelsaß den Antrag ein: „Der 
Reichstag wolle beschließen, daß die Bevölkerung Elsaß- 
Lothringens, welche, ohne darüber befragt zu sein, dem Deutschen 
Reiche durch den Friedensvertrag von Frankfurt einverleibt 
worden ist, sich speziell über diese Einverleibung auszusprechen 
berufen werde.“ 
Der Antrag kam am 18. Februar zur Beratung. Indes 
ehe diese begann, brachte Teutsch einen neuen Antrag ein, 
wonach es denjenigen elsaß⸗lothringischen Abgeordneten, denen 
das Deutsche unbekannt sei, gestattet sein solle, französisch zu 
reden. Der Präsident von Forckenbeck erklärte, nach der 
Geschäftsordnung des Hauses könne über einen neuen Antrag 
nur dann sofort abgestimmt werden, wenn kein Mitglied des 
Reichstags widerspreche. Aber da erhob sich auch schon der 
wohlbeleibte Abgeordnete Braun-Wiesbaden und rief das 
verhängnisvolle Wort „Ich widerspreche“. Und nun begründete 
der Abgeordnete Teutsch im fließendsten Deutsch, aber mit echt 
französischem Phrasenwerk, seinen Antrag. Das alles, dazu 
seine Unkenntnis in Sachen des Völkerrechts, brachte ihm 
einen unbestrittnen Heiterkeitserfolg. 
Aber kaum hatte er die Abtretung der Reichslande ohne Zu— 
stimmung der Bevölkerung pathetisch für ungültig erklärt, so ge⸗ 
schah etwas noch viel Merkwürdigeres. Der alte Bischof Räß von 
Straßburg, der Führer des klerikalen Zweiges der fünfzehn reichs— 
ländischen Abgeordneten, trat hervor und sprach folgendes: „Um 
einer mißliebigen Deutung vorzubeugen, die mich und meine 
Glaubensgenossen berühren könnte, finde ich mich im Gewissen ge— 
drungen, eine einfache Erklärung abzugeben: Die Elsaß-Lothringer 
meiner Konfession sind keineswegs gemeint, den Vertrag von 
Frankfurt, der zwischen zwei großen Mächten abgeschlossen ist, in 
Frage zu stellen. Das wollte ich von vornherein erklären.“
	        
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