Full text : Die Textilindustrie sämtlicher Staaten

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Belgien.  Textilindustrie.

Spitzenindustrie.  Die  belgische  Spitzenindustrie  besitzt  nicht  mehr  ihre
frühere  Bedeutung,  da  sie  durch  die  neue  mechanische  Spitzenindustrie  fast  ganz
verdrängt  wird.  In  Belgien  ist  sie  noch  eine  ausgesprochene  Heimindustrie.  Ihr
Hauptsitz  befindet  sich  in  den  zwei  Flandern 1 ).  Infolge  der  äußerst  schlechten
Bezahlung  der  Arbeiterinnen  befindet  sich  diese  ehemals  in  hoher  Blüte  gestandene ­
  Industrie  in  stetigem  Rückgang.  Die  Zahl  der  in  diesem  Gewerbe
beschäftigten  Frauen  und  Mädchen  wurde  im  Jahre  1870  auf  mindestens  150  000
geschätzt,  während  nach  amtlicher  Zählung  vom  Jahre  1896  nur  noch  etwa
47000  diesem  Berufe  oblagen,  und  allen  Anzeichen  nach  dürfte  sich  seither
diese  Zahl  noch  ganz  erheblich  verringert  haben.
Die  offizielle  belgische  Ausfuhrstatistik  über  Leinen-Tülle,  -Spitzen  und
-Blonden  der  Jahre  1900  und  1910  zeigt  folgendes  Bild:

1900
Francs

1910
Francs

Deutschland

22  85s

15  959

England

276  953

181  565

Dänemark

1560

2  330

Vereinigte  Staaten

—

Frankreich

S9i  584

l  280  420

Niederlande

10  599

30  710

Verschiedene  Länder

21  805

32  898

Im  ganzen  .  .

925  356

1  543  882

Diese  Zahlen,  die  der  Wirklichkeit  jedoch  bei  weitem  nicht  entsprechen,
enthalten  sicherlich  auch  die  Erzeugnisse  der  mechanischen  Spitzenindustrie,  die,
wie  oben  gesagt,  das  Handgewerbe  allmählich  verdrängt.
Wie  ungenau  die  amtlichen  Daten  sind,  beweist  folgender  Umstand.
Während  für  das  Jahr  1900  obige  Tabelle  keine  Ausfuhr  an  Tüllen,  Spitzen  und
Blonden  nach  den  Vereinigten  Staaten  aufweist,  hat  eine  Nachforschung  auf
dem  amerikanischen  Konsulat  in  Brüssel  ergeben,  daß  an  Hand  Vorgefundener
Konsulatsfakturen  (solche  werden  nur  für  Posten  von  einem  Mindestwert  von
500  S  eingefordert),  tatsächlich  für  165242$  ausgeführt  wurden.  Es  ist  auch
bekannt,  daß  infolge  enorm  hoher  Einfuhrzölle  der  Schmuggel  große  Ausdehnung
und  die  raffiniertesten  Formen  angenommen  hat  und  dadurch  dem  belgischen
Statistiker  ganz  erhebliche  Summen  entgehen.
Der  Verfasser  des  Buches  „La  dentelle  beige“,  Dr.  Pierre  Verhaegen,
schätzt  den  Verkaufswert  auf  mindestens  13,5  Mill.  Francs  und  legt  demselben
folgende  Berechnung  zugrunde:  Rechnet  man  für  die  etwa  50  000  Arbeiterinnen
und  Schülerinnen  einen  Tagelohn  von  durchschnittlich  60  Centimes  —  was  unter
der  Wirklichkeit  ist  —  und  nimmt  man  durch  eine  ebenso  bescheidene  Schätzung
an,  daß  der  Bruttoertrag  der  Fabrikanten  und  Zwischenhändler  150  Prozent  der

9  Nach  „La  dentelle  beige“  von  Pierre  Verhaegen,  Brüssel  1912.
            
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