seins in einer allumfassenden lebendigen Alleinheit des Geistes, so-
daß dadurch auch die Wahrheit niemals in adäquater Form der
Besitz eines Einzelnen ist, sondern eben nur der geistigen Alleinheit
der Menschheit gegeben ist, — so spüren wir schon damit, wie tief,
konkret und umfassend die Wahrheit ist, nach der der russische Geist
strebt. Es ist nicht die Wahrheit als theoretisches Bild der Welt, als
reine Idee, sondern die Wahrheit, die selber seiend ist, mit dem inner-
sten Grunde des Lebens zusammenfällt und die sich selber im wahren
Menschen oder Menschheitsleben darstellt. Es gibt ein sehr bezeichnen-
des Wort in der russischen Sprache, das eine außerordentlich große
Rolle im ganzen russischen Denken spielt, vom Volksdenken an bis
zu den schöpferischen russischen Genien; es ist das unübersetzbare
Wort „Pramda“, das zugleich „Wahrheit“ und auch soviel als „mora-
lisches oder natürliches Recht“ bedeutet, so wie in der deutschen
Sprache das Wort „richtig“ zugleich das theoretisch und das praktisch
Passende oder Adäquate bedeutet, sodaß man sowohl eine Meinung,
als auch eine Handlung als richtig bezeichnen kann. Der russische
Geist, sei es der religiöse Sucher und Wanderer aus dem Volke, sei
es Dostojewski, Tolstoi oder Wladimir Solowjew suchen immer die
„Prawda“, die Wahrheit, die ihm einerseits das Leben erklärt und er-
leuchtet, und zugleich die Grundlage des „echten“ d.h. des gerechten
Lebens bildet, wodurch das Leben geheilt und gerettet werden kann.
Es ist eigentlich die Wahrheit, als „das Licht, das jeden Menschen
erleuchtet, der in diese Welt kommt“, die Wahrheit als Logos, in der
das Leben ist, wodurch die Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwi-
schen Erkenntnis und lebendiger Gestaltung von vornherein über-
wunden wird.
Dieser Begriff einer konkret-ontologischen, lebendigen „Wahrheit“,
der den letzten Gegenstand des russischen geistigen Suchens und
Schaffens bildet, führt dazu, daß das russische philosophische Denken
in seiner typisch-nationalen Form niemals „reine Erkenntnis“, sozu-
sagen leidenschaftsloses theoretisches Begreifen der Welt, sondern
immer eine Äußerung des religiösen Heilssuchens ist. Das spinozisti-
sche „nicht weinen, noch lachen, sondern begreifen“ ist dem russischen
Geiste ganz fremd. Darin kommt einerseits die Schwäche des russi-
schen philosophischen Geistes zum Ausdruck, insofern religiöse Leiden-
schaftlichkeit (die bei religiös minderbegabten Naturen sich leicht in
eine sozial-ethische Schwärmerei verwandelt, wie es im typisch-russi-
schen Sozialismus der Fall ist) leicht zur Vernachlässigung des reinen,
uneigennützigen Schauens der Wahrheit führen kann. Anderseits aber
ist dieses religiöse Wesen des russischen Geistes in seiner tiefsten
nationalen Eigenart jedem Subjektivismus, jedem Schwelgen in einer
subjektiven Innerlichkeit der Gefühle ganz abhold und hat im Gegen-
teil einen organischen Zug zur Objektivität, zur ontologisch-meta-
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