Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

252 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 710 
Arbeiter eine Reserve für Arbeitslosigkeit zu schaffen. In geistvoller Weise hat Scherl 
vorgeschlagen, einen allgemeinen Abholungsdienst zu organisfieren und die Zinsen der 
abgeholten Gelder vom ersten Jahr zu einer Prämienlotterie für die zu verwenden, die 
zu solch' wöchentlicher Zahlung sich verbindlich machen. Das würde gewiß sehr locken, 
und wenn man die Abholung den Postbriefträgern übergäbe, wie Schanz vorschlug, 
könnten die Kosten auch nicht zu hoch werden. Prämien und lotterieartige Gewinne 
zahlen jetzt schon manche Sparkassen, z. B. die von Krupp in Essen. 
Nicht sowohl beliebter als segensreicher gestaltet die Einrichtung das Sparen, 
daß man jetzt unter mancherlei Bedingungen gesperrte Sparbücher ausgiebt; die Ein— 
lagen oder ein Teil derselben können erst in einem gewissen Alter, bei gewisser Ver— 
antassung erhoben werden. Die Übertragbarkeit der Einlagen von einer zur anderen Kasse 
hat heute schon ziemliche Fortschritte gemacht; sie ist in den Ländern der lokalen Spar—⸗ 
lafsen voll nur zu erreichen durch eine Centralsparbank, mit der alle Sparkassen in 
Abrechnung und Giroverkehr stehen. Daß alle Sparkassen für ihre Kunden die Pflicht 
haben sollten, sichere Staatspapiere zu kaufen, aufzubewahren und wieder zu verkaufen, 
ist eine selbstverständliche Forderung, der leider in Deutschland noch so viel Förmlich— 
keiten angehängt sind, daß sie theoretisch zugestanden, praktisch unausgeführt bleibt. 
Wenn eine solche Übung allgemein geworden ist, so schadet auch die Beschränkung auf 
1—-3000 Mk. als Maximum der Einzahlung nicht mehr. Viele Kassen haben sie nicht 
mehr und nehmen gern große Summen von Geschäftsleuten bis 40—-60000 und mehr 
Mark. Aber zu Banken der mittleren und höheren Geschäftsleute sollen die Kassen 
doch nicht werden; sie sollten solchen Einlegern jedenfalls nicht mehr Zins geben, als 
die Banken jeweilig Depositenzins zahlen. — Den kleinen Sparern sollten die Kassen 
stets so viel Zins geben, wie sie bei solider Geschäftsführung können, und wie heute die 
Vorschußkassen zahlen, die ihnen sonst die Sparer wegnehmen. 
Fast noch größere Schwierigkeiten bietet die Anlage der Kapitalien, zumal in 
den großen Sparkassen. Das Sicherste ist zuletzt die in Staatspapieren; die Post— 
sparkassen verfahren fast ausschließlich so. Aber die lokalen Kassen haben mehr und 
nehr, und zum größten Segen der betreffenden Orte, sich dem lokalen Kredit zugewandt; 
am meisten dem Hypothekarkredit. In Hsterreich haben sie diesen zu einem großen 
Teil in Händen. In Preußen waren 1900 38,480/0 in städtischen, 24,88 in länd— 
lichen, 26,60 in Inhaberpapieren, 0,15 in Schuldscheinen ohne Bürgschaft, 2,37 in 
solchen mit Bürgschaft, 1,44 in Wechseln, 1,63 in Faustpfand, 9,68 bei öffentlichen 
Instituten, O,68 anderweitig angelegt. Von der Art dieser Anlagen hängt auch die Höhe 
des zu haltenden Barvorrates ab. Er pflegte bisher im ganzen genügend zu sein, um 
sederzeit den Rückforderungen, auch ohne Einhaltung der Kündigungstermine, Genüge 
thun zu können. Jede größere Sparkasse muß heute einen bankmäßigen Charakter 
nsofern annehmen, als sie entsprechend den wahrscheinlichen oder möͤglichen Rück— 
'orderungen durch Barvorrat oder leicht realisierbare Anlagen gedeckt sein muß, möglichst 
Hypothekenkündigungen vermeiden, ja unkündbare Darlehen geben sollte. Man rechnet, 
daß die deutschen Sparkassen durchschnittlich 1,80/0 ihrer Einlagen Barvorrat halten, 
das wären bei 8 Milliarden schon 120 Millionen. Je mehr sie gute Wechsel, leicht 
verkäufliche Effekten und ein erhebliches Depositum bei sicheren Banken haben, desto 
mehr können sie daran sparen; 120 Mill. Mark zinslos liegen lassen, bedeutet einen 
Verlust von 4,8 Mill. Zinsen zu 40/0. Der jetzt viel erörterte Plan, für alle deutschen 
Sparkassen eine Centralbank aus ihren Mitteln, ihren Reserven zu gründen, würde 
Derartiges von selbst herbeiführen, alle Ubertragungen unter den Sparkassen erleichtern, 
den Ein- und Verkauf der Effekten verbilligen, in Zeiten der Krisis allen Sparkassen 
die nötige Hülfe geben. Außerdem aber erhalten die Sparkafsen ihre sociale und 
kommunale Funktion viel besser, wenn sie nach dem Vorbild der Merziger Kreis— 
parkasse, der holsteinischen Privatsparkassen und der Kassen der größten Städte mit 
Vorficht anfangen, nicht bloß auf sichere Anlagen, sondern auch auf richtiges Kredit⸗ 
geben in ihrem Bereiche zu sehen. Was Landrat Knebel in Merzig durch Umgestaltung 
der Kreissparkasse zu einer wahren Bauernbank erreicht hat, ist mit richtigem Personal
	        
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