Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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deutung,  als  sie  zur  Beurteilung  von  Formen  des  Arbeiterkampfes  herangezogen ­
  wurden,  zu  denen  die  Partei  damals  teils  als  Ratgeberin  der
Arbeiterklasse  und  teils  durch  aktive  Teilnahme  Stellung  zu  nehmen  hatte.
Der  Geschäftsdruck,  der  1890  eingesetzt  hatte,  hatte  im  folgenden
Jahre  weiter  um  sich  gegriffen,  während  Mißernten  die  Lebensmittelpreise
in  die  Höhe  trieben.  Die  Lage  der  Arbeiter  verschlechterte  sich  zusehends
und  gestaltete  sich  vielfach  zu  direkter  Notlage.  Große  Streiks,  darunter
der  zehnwöchige  Kampf  der  Buchdrucker,  der  über  zwei  Millionen
Mark  gekostet  hatte,  und  ein  langwieriger  Kampf  der  Zigarrenarbeiter
gingen  verloren,  die  Gewerkschaften  gingen  in  bezug  auf  die  Mitgliederzahl
zurück  —  von  über  300  000  im  Jahre  1890  fiel  die  Zahl  der  Mitglieder
der  freien,  d.  h.  sozialistischen  Verbände  schrittweise,  bis  sie  im  Jahre  1893
mit  230000  ihren  Tiefstand  erreichte.  Da  war  es  kein  Wunder,  daß  sich
in  dieser  Zeit  Zweifel  an  der  Leistungsfähigkeit  des  Gewerkschaftskampfes
im  allgemeinen  einstellten  und  auf  andere  Mittel  gesonnen  wurde,  die  Anternehmerklasse
  zu  Zugeständnissen  zu  nötigen.  Während  bei  den  Unabhängigen,
von  denen  ein  Teil  sich  dem  Anarchismus  zuzuwenden  anfing,  der  Gedanke
an  Straßendemonstrationen  und  dergleichen  Boden  faßte,  begann  man  in
den  Reihen  von  Gewerkschaftlern,  die  zur  Sozialdemokratie  hielten,  sich  für
das  in  Amerika  aufgekommene  Mittel  der  gewerkschaftlichen  Kontrollmarke ­
  zu  erwärmen,  und  das  ihr  wesensverwandte  Mittel  des  Boykotts
zählte  hüben  und  drüben  Anhänger,  die  sich  von  ihm  die  größten  Wirkungen ­
  versprachen,  wenn  nur  die  Arbeiterschaft  gehörig  zu  seinem  Gebrauch
erzogen  und  angefeuert  werde.  Das  Stück  Wahrheit,  das  in  diesen  Ideen
lag,  wurde  aber  dadurch  kompromittiert,  daß  die  Heißsporne  des  Boykotts
und  der  Kontrollmarke  so  sprachen,  als  ob  diese  Mittel  die  Macht  noch
schwacher  Gewerkschaften  jederzeit  um  ein  Bedeutendes  steigern  könnten,  und
die  Neigung  erzeugten,  für  sonst  nicht  zu  gewinnende  Streiks  einzelner
Gewerkschaften  die  Gesamtarbeitcrschaft  zum  Boykott  aufzurufen.
So  gab  es  vielerlei  Anlaß,  die  Wirtschaftslage  und  Wirtschaftsentwicklung
  in  öffentlichen  Versammlungen  eingehend  zu  behandeln.  Schon
am  21.  Januar  1892  sprach  Bebel  in  einer  Riesenversammlung  im  Feenpalast ­
  über  das  Thema:  „Was  lehren  uns  die  letzten  großen  Streiks?",
am  21.  Februar  desselben  Jahres  behandelte  er  im  Feenpalast  das  Thema:
„Niedergang  des  Kleinbetriebes",  und  am  16.  März  das  Thema:  „Ursachen
und  Wirkungen  der  Krisen".  In  allen  diesen  Vorträgen  kam  seine  Auffassung ­
  über  das  rasche  herannahen  der  Zeit  zum  Ausdruck,  wo  der
Kapitalismus  seinen  Aufsaugungsprozeß  so  weit  vollzogen  haben  werde,
daß  es  für  ihn  selbst  keinen  Ausweg  aus  seinen  Widersprüchen  mehr
geben  werde.  Diesem  ermutigenden  Ausblick  in  die  Zukunft  entsprach
jedoch  mit  Notwendigkeit  ein  starker  Pessimismus  hinsichtlich  der  unmittelbaren ­
  Möglichkeiten  des  wirtschaftlichen  Kampfes  der  Arbeiterklasse.  Innerhalb ­
  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung,  so  lautete  der  Schluß  der
Rede  Bebels  vom  21.  Februar,  würden  die  Aussichten  der  Arbeiter  bei
ihren  Lohnkämpfen  immer  ungünstiger  werden.  Sie  müßten  zwar  fortfahren, ­
  sich  gewerkschaftlich  zu  organisieren,  da  schon  das  bloße  Vorhandensein
einer  kräftigen  Organisation  die  Unternehmer  abhalte,  manches  zu  tun,  was
sie  sich  unorganisierten  Arbeitern  gegenüber  erlauben  würden,  die  Arbeiter
müßten  aber  erkennen,  daß  sie  über  diese  Kämpfe  hinaus  noch  weitere  Ziele,.
            
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