130
deutung, als sie zur Beurteilung von Formen des Arbeiterkampfes herangezogen
wurden, zu denen die Partei damals teils als Ratgeberin der
Arbeiterklasse und teils durch aktive Teilnahme Stellung zu nehmen hatte.
Der Geschäftsdruck, der 1890 eingesetzt hatte, hatte im folgenden
Jahre weiter um sich gegriffen, während Mißernten die Lebensmittelpreise
in die Höhe trieben. Die Lage der Arbeiter verschlechterte sich zusehends
und gestaltete sich vielfach zu direkter Notlage. Große Streiks, darunter
der zehnwöchige Kampf der Buchdrucker, der über zwei Millionen
Mark gekostet hatte, und ein langwieriger Kampf der Zigarrenarbeiter
gingen verloren, die Gewerkschaften gingen in bezug auf die Mitgliederzahl
zurück — von über 300 000 im Jahre 1890 fiel die Zahl der Mitglieder
der freien, d. h. sozialistischen Verbände schrittweise, bis sie im Jahre 1893
mit 230000 ihren Tiefstand erreichte. Da war es kein Wunder, daß sich
in dieser Zeit Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Gewerkschaftskampfes
im allgemeinen einstellten und auf andere Mittel gesonnen wurde, die Anternehmerklasse
zu Zugeständnissen zu nötigen. Während bei den Unabhängigen,
von denen ein Teil sich dem Anarchismus zuzuwenden anfing, der Gedanke
an Straßendemonstrationen und dergleichen Boden faßte, begann man in
den Reihen von Gewerkschaftlern, die zur Sozialdemokratie hielten, sich für
das in Amerika aufgekommene Mittel der gewerkschaftlichen Kontrollmarke
zu erwärmen, und das ihr wesensverwandte Mittel des Boykotts
zählte hüben und drüben Anhänger, die sich von ihm die größten Wirkungen
versprachen, wenn nur die Arbeiterschaft gehörig zu seinem Gebrauch
erzogen und angefeuert werde. Das Stück Wahrheit, das in diesen Ideen
lag, wurde aber dadurch kompromittiert, daß die Heißsporne des Boykotts
und der Kontrollmarke so sprachen, als ob diese Mittel die Macht noch
schwacher Gewerkschaften jederzeit um ein Bedeutendes steigern könnten, und
die Neigung erzeugten, für sonst nicht zu gewinnende Streiks einzelner
Gewerkschaften die Gesamtarbeitcrschaft zum Boykott aufzurufen.
So gab es vielerlei Anlaß, die Wirtschaftslage und Wirtschaftsentwicklung
in öffentlichen Versammlungen eingehend zu behandeln. Schon
am 21. Januar 1892 sprach Bebel in einer Riesenversammlung im Feenpalast
über das Thema: „Was lehren uns die letzten großen Streiks?",
am 21. Februar desselben Jahres behandelte er im Feenpalast das Thema:
„Niedergang des Kleinbetriebes", und am 16. März das Thema: „Ursachen
und Wirkungen der Krisen". In allen diesen Vorträgen kam seine Auffassung
über das rasche herannahen der Zeit zum Ausdruck, wo der
Kapitalismus seinen Aufsaugungsprozeß so weit vollzogen haben werde,
daß es für ihn selbst keinen Ausweg aus seinen Widersprüchen mehr
geben werde. Diesem ermutigenden Ausblick in die Zukunft entsprach
jedoch mit Notwendigkeit ein starker Pessimismus hinsichtlich der unmittelbaren
Möglichkeiten des wirtschaftlichen Kampfes der Arbeiterklasse. Innerhalb
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, so lautete der Schluß der
Rede Bebels vom 21. Februar, würden die Aussichten der Arbeiter bei
ihren Lohnkämpfen immer ungünstiger werden. Sie müßten zwar fortfahren,
sich gewerkschaftlich zu organisieren, da schon das bloße Vorhandensein
einer kräftigen Organisation die Unternehmer abhalte, manches zu tun, was
sie sich unorganisierten Arbeitern gegenüber erlauben würden, die Arbeiter
müßten aber erkennen, daß sie über diese Kämpfe hinaus noch weitere Ziele,.