Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

194.  Erstes  sozialdemokratisches  Flugblatt  zur  preußischen  Landtagswahl

Zur  Candtagswabl  "Agitation.
Der  vom  17.  bis  21.  September  zu  Mainz  abgehaltene  Parteitag  der
sozialdemokratischen  Partei  hat  folgenden  Beschluß  über  die  Wahlbethetligung
gefaßt:
„In  denjenigen  deutschenStaaten,.  in  welchen  dass
D  r  eik  l  a  s  s  e  n  -  W  a  h  ls  y  st  em  besteht,  sind  die  Parteigenossen
verpflichtet,  bei  den  nächsten  Wahlen  mit  eigenen  Wahlmännern
  in  die  Wahlagi  tattonet  n  zutreten.
Für  die  Landtagswahlen  in  Preußen  bildet  desr
Partei-Vorstand  das  Zentral-Wahlkomttee.  Ohne  dessen
Zustimmung  dürfen  die  Parteigenossen  in  den  einzelnen.
Wahlkreisen  keine  Abmachungen  mit  bürgerlichen  Parteien ­
  treffen."
Durch  diesen  Beschluß  ist  der  Weg,  den  die  Sozialdemokraten  bei  der
nächsten  Landtagswahl  zu  gehen  haben,  klar  vorgez?tchner.
Demnach  hat  bei  der  künftigen  Landtagswahl  in  allen  Wahlkreisen
Wahlbetheiltgung  stattzufinden.  Es  ist  seitens  aller  Kreise  bet  der  Nächsten
Landtagswahl  der  Versuch  zu  machen,,  möglichst  viel  sozialdemokratische  Wahlmänner ­
  durchzubringen.
Bei  der  Verzwicktheit  des  Wahlverfahrens  ist  eS  zweckmäßig,  diese
Wahlbethetligung  von  langer  Hand,  möglichst  schon  jetzt,  vorzubereiten.  Dazu
g  hört  Folgendes:
Schon  jetzt  sehe  man  flch,  wiewohl  die  Urwahlbezirke  noch  nicht  festgestellt
find,  in  Anlehnung  an  die  Urwahlbezirke  von  1898  darnach  um:  in  allen
Wahlbezirken  zuverlässige  Wahlmänner  ausfindig  zu  machen.  Man  sehe  die  Liste
der  Wahlvkretnsmitglieder  darauf  hin  durch,  stelle  ein  Tableau  der  künftig  als
WahlmannSkandidaten  zu  Bezeichnenden  auf,  kontrolire  dies  Tableau  von  Quartal ­
  zu  Quartal,  um  in  dem  Augenblick  der  Ausschreibung  der  Wahl  und  der
Bildung  der  Urwahlbezirke  gewappnet  zu  sein.
Die  Auswahl  der  Wahlmänner  ist  schwierig,  weil  der  Wahlmann  in  dem
Urwahlbeztrk  wohnen  muß.  In  den  Bezirken,  wo  noch  kein  Wahlmann  ausfindig ­
  gemacht  werden  kann,  suche  man  neue  Mitglieder  für  die  Sozialdemokratie
zu  gewinnen.  Die  Br  o  t  w  u  ch  erp  l  ä  n  e  bieten  eine  günstige
Gelegenheit  auch  für  die  Frauen  zur  Werbung  neuer
Kämpfer  für  die  sozialdemokratische  Armee  Die  für  den
Borstand  und  für  die  Mitglieder  deriWahlveretne  wie  für  die  weiblichen  Genoffen ­
  sich  hieraus  ergebende  Arbeit  ist  schwierig.  Sie  ist  aber  nicht  schwieriger
als  die  Kleinarbeit,  die  insbesondere  aus  dem  Lande  seit  vielen  Jahren  mit  nicht
unerheblichem  Erfolge  von  einzelnen  Genossen  verrichtet  wird.
Wie  die  Wahlmänner  auszuwählen  sind  und  wie  die  nach  Durchsicht  der
1898er  Listen  noch  offenen  Bezirke  zu  erobern  sind,  läßt  stch  nicht  schablonen«
mäßig  für  jeden  Waylvcretn  vorausbesttmmen.  Nur  das  ist  sür  alle  gleichmäßig
  nothwendig:  m  „  ,  „  .
1.  Durchsicht,  wer  voraussichtlich  als  Wahlmann  aufgestellt  werden  kann,
2.  Bearbeitung  derjenigen  Bezirke,  in  denen  zur  Zeit  kein  Wahlmann
auffindbar  ist,  durch  Agitation  von  Mund  zu  Mund  sür  die  sozialdemokratische
  Bewegung.  m
Die  Vorbereitung  zur  Landtagswahl  kann  sich  demnach  in  vielen  Bezirken ­
  zu  einer  kräftigen  Agitation  für  unsere  Bewegung  gestalten.  Auch  bet  der
Landtagswahl  ist  und  bleibt  die  Hauptsache:  neue  Kämpfer  heranzuziehen.
Nur  überzeugte  Sozialdemokraten  können  als  Wahlmänner  aufgestellt  werden.
Als  Anknüpfungspunkte  sür  die  Werbung  neuer  Kämpfer  brauchen  keineswegs ­
  nur  Angelegenheiten  herangezogen  werden,  die  im  preußischen  Landtag  zur
Erörterung  gelangen.  Nach  wie  vor  hat  stch  als  das  wirksamste  Agitations-Mittel
  die  Besprechung  der  den  Einzelnen  betreffenden  Verhältniße  erwiesen.
Man  knüpft  a»  die  Berhältniffe  an,  die  dem  Indifferenten  oder  zeitigen  Gegner
geläufig  find.  Beispielsweise  werden  auf  dem  Lande  oft  Fragen,  wie  sie  in  dem
von  der  Agttationskommtsston  sür  die  Provinz  Brandenburg  herausgegebenen
Fragebogen  enthalten  find,  einen  Anknüpfungspunkt  ermöglichen.
Ferner  bietet  die  drohende  Vertheuerung  allerNahrungsmittel
  eine  außerordentlich  günstige  Gelegenheit  zur  Klarlegung  des  Klasjensampscharakters
  unserer  Gesetzgebung.
            
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