88 11,1. Das arbeitslose Einkommen
hat, nicht jeder, der auch nur eine Spur von moralischem Empfinden
und von Gerechtigkeitsgefühl sich bewahrt hat, gegen die bestehende
Wirtschaftsordnung, mit der das arbeitslose Einkommen untrennbar
verbunden ist, sich erklären?^») -
So einfach, wie es nach diesen Fragen den Anschein hat, liegt
die Sache indessen nicht. Daß es überhaupt in jeder Wirtschaftsordnung
arbeitsloses Einkommen geben muß, daß auch die sozialistische
Gesellschaft für die Arbeitsunfähigen, die Greise, die Witwen
und Waisen irgendwie wird sorgen müssen, das sei nur
nebenbei erwähnt. Ls ist ja nicht das bescheidene arbeitslose Einkommen
der alten Pensionäre, der Witwen, Waisen usw., über das
sich die Sozialisten entrüsten, sondern, was bei ihney Anstoß erregt,
das sind die hohen Zinsen- und Renteneinkommen, welche reichbegüterte
Personen neben ihrem durch eigene Arbeit verdienten Einkommen
oder auch ganz ohne solches, nur auf Grund ererbter oder
auch selbst erworbener Besitztitel beziehen. Dieses Einkommen ist nach
ihrer Auffassung unverdient.
Da entsteht zunächst die Frage: welches Einkommen ist überhaupt
als verdient, als dem eigenen Verdienst einer Persönlichkeit
entsprungen, anzusehen? Auch bei vielen Arten des erarbeiteten Einkommens
ist es außerordentlich schwer, zu sagen, inwieweit Unterschiede
in der Linkommenshöhe in Unterschieden der Arbeitsleistung
ihre innere Begründung finden oder inwieweit sie „unverdient" sind,
wer ist so vermessen, daß er sich zu entscheiden getraut, wie sich
in dem Einkommen der einzelnen Verdienst und Glück verketten?
Nehmen wir nur ein Beispiel aus dem Leben! von zwei Ärzten
oder Rechisanwälten, die genau die gleiche Ausbildung genossen
haben, bringt es der eine vielleicht zu dem zehn- oder gar zwanzigfachen
Einkommen des anderen. Das wird zwar meistens die Folge
20») In der Tat schreibt z. B. Rarl Nötzel: „Lin aufgeklärtes soziales
Gewissen kann nach Karl bkarx nicht wehr einvei standen sein mit den Grundlagen
unseres kbirtschastslebens" (Einsührung in den Sozialismus ohne
Dogma, 1919, S. 41).