Neue Weltanschauung.
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trachtete er als einen von besonderen ideellen Urphänomenen
durchwirkten Gesteinskörper, als einen Organismus. Und weit
darüber hinaus hat er seine Betrachtungsweise selbst auf die
spröden Gebiete der reinen Physik und Chemie noch aus—
gedehnt.
Das ist der Zusammenhang, in dem seine Farbenlehre ver⸗
ständlich wird, wenn sie auch zunächst durch rein ästhetisch-
psychologische Bedürfnisse in ihm angeregt wurde, durch die
Notwendigkeit nämlich, die warme und kalte, die aufregende
und die beruhigende Wirkung gewisser Farben und Kolorite
zu erklären.
Goethen mußte da bei seiner ganzen Anschauungsweise
ein Betrieb der Naturwissenschaft unverständlich bleiben, der
eine Reduktion der physikalischen und chemischen Erscheinungen
nur auf quantitative Momente vornahm: wo hätten da die
qualitativ unterschiedenen Urphänomene, die Ideen bleiben
sollen? Fern stand er darum dem Begriffe der mechanischen
Kausalität überhaupt, wie ihn seit der weiteren mathematischen
Durchbildung der Mechanik im 17. Jahrhundert die Welt der
Naturforscher ständig verwertete und wie ihn Newton zu der
heute geltenden Erklärung der Erscheinungen des Lichtes an⸗
gewandt hatte. Von seinen allgemeinen naturphilosophischen
Voraussetzungen aus bedurfte der Dichter vielmehr auch in
der Welt der reinen physikalisch-chemischen Erscheinungen der
Annahme qualitativer Momente: denn nur diese konnten die
anschauliche Erkenntnis verschiedener, hinter den physikalisch⸗
hemischen Erscheinungen stehender Urphänomene vermitteln.
Und schienen solche qualitative Elemente nicht gerade in
der Farbenwelt, in der verschiedenen psychologischen Wirkung
der einzelnen Farben, vorhanden zu sein? Von dieser Wirkung
ging er aus: als die polaren Gegensätze innerhalb der Skala
dieser Wirkungen erschienen ihm bald Licht und Finsternis,
und es gelang ihm seiner Auffassung nach, experimentell deren
Mischung zu Gelb, einem durch Finsternis gedämpften und
darum warmen Licht, und Blau, einer durch das Licht ab⸗
geschwächten Finsternis und dadurch kalten Farbe, sowie zu