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ergab sich der innere Zwiespalt unseres politischen Lebens,
der häufig genug in dem feindlichen Gegensatz zwischen dem
Reichstag und dem Preußischen Abgeordnetenhaus sich offen
barte. Nur eine machtvolle Persönlichkeit, wie die des ersten
Reichskanzlers, konnte die schlimmen Folgen dieses inneren
Konfliktes abwenden. Unter seinen Nachfolgern aber traten
sie grell zutage, und sie machten sich besonders dort empfind
lich bemerkbar, wo dem Auslande gegenüber eine energische
Vertretung unserer politischen Machtstellung als dringend ge
boten erschien. Wie oft sind begründete und berechtigte Forde
rungen an der Inkonsequenz und Systemlosigkeit unserer Politik
gescheitert! Im Innern offenbarte sich diese politische Schwäche
in dem Gegensatz der zwischen unserer Handels- und Flotten-
Politik, zwischen unserer Sozial- und Zollpolitik besteht. Der
Kampf um rein materielle Interessen hat entschieden zur Ent
wertung unseres politischen Lebens beigetragen. Er ist ver
antwortlich für die politische und soziale Zerrissenheit unserer
Kation. Er hat die einzelnen Klassen und Berufsstände gegen
einander aufgehetzt und überall die zerstörende Saat des Hasses
Und der Unruhe gesät.
Es ist kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen auch
das Ansehen unseres Parlamentarismus leiden mußte. In dem
Widerspruch, der zwischen den Landtagen und dem Reichs
tag zum Ausdruck gelangte, lag die Ursache dafür, daß die
Parlamentarische Tätigkeit immer reicher an Reibungen, Anf
ügungen und Mühen und immer unfruchtbarer an wirklich
erfreulichen erfolgreichen Ergebnissen geworden ist. Die
Parlamente werden heute nicht mehr von der nationalen Be
geisterung getragen, die im Anfang der Reichsgeschichte zur
Herrschaft gelangt war. Wir finden in ihnen nicht mehr die
großen führenden Persönlichkeiten, die sich den gewaltigen
Nationalen Aufgaben gewachsen zeigten und die so wirksam
a ’N dem weiteren Ausbau der Reisinstitutionen gearbeitet hatten.
Unabsehbar ist die Gefahr, die dadurch herauf beschworen
w ird, daß der Staat seine Hoheitsrechte in den Dienst der rein
Privatwirtschaftlichen Rentabilität stellt. Dadurch erweckt er
schrankenlose Begierden, die sich um so rücksichtsloser gel-
tend machen, je bevorzugter die wirtschaftliche und soziale
Page der Kreise ist, die eine solche staatliche Begünstigung