59 ;—
wenig sie auf diesem Posten zur Einschränkung der venerischen
Krankheiten leisten können."
Die ersten Autoritäten auf dem Gebiete der Bekämpfung der
Prostitution und der venerischen Krankheiten häufen und häufen die
schwerwiegendsten Bedenken gegen die heutige sttten- und sanitätspolizeiliche
Kontrolle der Prostitution, ja sie gehen sogar vielfach
direkt dem Prinzip dieser Kontrolle selbst zu Leibe, — aber der
Vater Staat verschließt bis zur Stunde seine Ohren vor den scharfsinnigen
Argumentationen der wissenschaftlichen Fachleute und vor
den jahrzehntelangen Erfahrungen der medizinischen Praktiker und
behält das ungeheuerliche, durch so häufige Angriffe bereits in eine
Ruine verwandelte System der Reglementierung der Prostitution
ruhig beil Wie lange noch?
In gedrängter Fülle. wollen wir nochmals die grundlegenden
Gründe und die entscheidenden Tatsachen, die gegen eine Reglementierung
der Prostitution sprechen, zusammenstellen.
Das sanitätspolizeiliche Kontrollsystem stellt sich im Kampfe
gegen die venerischen Leiden als eine Halbheit, ja ! — man verzeihe
die sprachliche Wendung — als eine Viertelheit dar; denn es hält
drei Viertel der Geschlechtskranken, die venerische Männerwelt, von
jeder ärztlichen Untersuchung und Behandlung fern. Am 30. April
1900 befanden sich von je 10 000 erwachsenen Personen im ganzen
preußischen Staate überhaupt 18,46, von männlichen 28,20, von
weiblichen 9,24 wegen venerischer Krankheiten in Behandlung approbierter
Aerzte. „Auffallend erscheint," so schreibt Professor Guttstadt,
„die bedeutend geringere Beteiligung des weiblichen Geschlechts
gegen die des männlichen. Der Unterschied ist so bedeutend, daß die
Gesamtzahl der ansteckenden Geschlechtskranken in der Zivilbevölkerung
von der Anzahl der männlichen vollständig beherrscht
wird." Gelänge es einer staatlichen Maßnahme selbst, sämtliche
feilen venerisch kranken Mädchen und Frauen mit einem Schlage
dem Geschlechtsverkehr zu entziehen, so würde die erkrankte Männerwelt
alsbald eine hochgradige Verbreitung der Geschlechtskrankheiten
in denjenigen weiblichen Kreisen Hervorrufen, die wegen ihrer stark
sinnlichen Veranlagung den Verlockungen der Männer leicht erliegen.
Natürlich, das darf nicht bestritten werden, würde sich eine derartige
Verbreitung immerhin im Vergleich zu einem Zustande vollkommen
entfesselten, ungeregelten Dirnenangebots in engen Grenzen
halten, weil die Zahl der gewissenlosen Männer, die sich völlig
skrupellos dem geschlechtlichen Verkehr während ihres venerischen
Leidens hingeben würden, nicht sehr groß sein dürfte. An die Seite
dieser gewissenlosen Lüstlinge tritt aber die Gruppe der Männer,
die in vollständiger Unwissenheit über die Natur der Geschlechtskrankheiten
den sexuellen Verkehr trotz ihrer Krankheit fortsetzt. Es
darf nicht verkannt werden, daß immerhin die Fernhaltung aller
prostituierten Frauen und Mädchen eine sanitäre Maßregel von
grundlegender Bedeutung wäre; aber sie würde die venerische Seuche