Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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wenig  sie  auf  diesem  Posten  zur  Einschränkung  der  venerischen
Krankheiten  leisten  können."
Die  ersten  Autoritäten  auf  dem  Gebiete  der  Bekämpfung  der
Prostitution  und  der  venerischen  Krankheiten  häufen  und  häufen  die
schwerwiegendsten  Bedenken  gegen  die  heutige  sttten-  und  sanitätspolizeiliche ­
  Kontrolle  der  Prostitution,  ja  sie  gehen  sogar  vielfach
direkt  dem  Prinzip  dieser  Kontrolle  selbst  zu  Leibe,  —  aber  der
Vater  Staat  verschließt  bis  zur  Stunde  seine  Ohren  vor  den  scharfsinnigen ­
  Argumentationen  der  wissenschaftlichen  Fachleute  und  vor
den  jahrzehntelangen  Erfahrungen  der  medizinischen  Praktiker  und
behält  das  ungeheuerliche,  durch  so  häufige  Angriffe  bereits  in  eine
Ruine  verwandelte  System  der  Reglementierung  der  Prostitution
ruhig  beil  Wie  lange  noch?
In  gedrängter  Fülle.  wollen  wir  nochmals  die  grundlegenden
Gründe  und  die  entscheidenden  Tatsachen,  die  gegen  eine  Reglementierung ­
  der  Prostitution  sprechen,  zusammenstellen.
Das  sanitätspolizeiliche  Kontrollsystem  stellt  sich  im  Kampfe
gegen  die  venerischen  Leiden  als  eine  Halbheit,  ja  ! —  man  verzeihe
die  sprachliche  Wendung  —  als  eine  Viertelheit  dar;  denn  es  hält
drei  Viertel  der  Geschlechtskranken,  die  venerische  Männerwelt,  von
jeder  ärztlichen  Untersuchung  und  Behandlung  fern.  Am  30.  April
1900  befanden  sich  von  je  10  000  erwachsenen  Personen  im  ganzen
preußischen  Staate  überhaupt  18,46,  von  männlichen  28,20,  von
weiblichen  9,24  wegen  venerischer  Krankheiten  in  Behandlung  approbierter ­
  Aerzte.  „Auffallend  erscheint,"  so  schreibt  Professor  Guttstadt,
  „die  bedeutend  geringere  Beteiligung  des  weiblichen  Geschlechts
gegen  die  des  männlichen.  Der  Unterschied  ist  so  bedeutend,  daß  die
Gesamtzahl  der  ansteckenden  Geschlechtskranken  in  der  Zivilbevölkerung ­
  von  der  Anzahl  der  männlichen  vollständig  beherrscht
wird."  Gelänge  es  einer  staatlichen  Maßnahme  selbst,  sämtliche
feilen  venerisch  kranken  Mädchen  und  Frauen  mit  einem  Schlage
dem  Geschlechtsverkehr  zu  entziehen,  so  würde  die  erkrankte  Männerwelt ­
  alsbald  eine  hochgradige  Verbreitung  der  Geschlechtskrankheiten
in  denjenigen  weiblichen  Kreisen  Hervorrufen,  die  wegen  ihrer  stark
sinnlichen  Veranlagung  den  Verlockungen  der  Männer  leicht  erliegen.
Natürlich,  das  darf  nicht  bestritten  werden,  würde  sich  eine  derartige ­
  Verbreitung  immerhin  im  Vergleich  zu  einem  Zustande  vollkommen ­
  entfesselten,  ungeregelten  Dirnenangebots  in  engen  Grenzen
halten,  weil  die  Zahl  der  gewissenlosen  Männer,  die  sich  völlig
skrupellos  dem  geschlechtlichen  Verkehr  während  ihres  venerischen
Leidens  hingeben  würden,  nicht  sehr  groß  sein  dürfte.  An  die  Seite
dieser  gewissenlosen  Lüstlinge  tritt  aber  die  Gruppe  der  Männer,
die  in  vollständiger  Unwissenheit  über  die  Natur  der  Geschlechtskrankheiten ­
  den  sexuellen  Verkehr  trotz  ihrer  Krankheit  fortsetzt.  Es
darf  nicht  verkannt  werden,  daß  immerhin  die  Fernhaltung  aller
prostituierten  Frauen  und  Mädchen  eine  sanitäre  Maßregel  von
grundlegender  Bedeutung  wäre;  aber  sie  würde  die  venerische  Seuche
            
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