Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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halb  ohne  besondere  Schwierigkeiten  möglich,  weil  dort  bereits  sehr
große  Prozentsätze  der  unbemittelten  Volksklassen  gegen  Krankheit
versichert  sind.  Die  Franksurter  Allgemeine  Ortskrankenkassc  zahlte
allein  im  Jahre  1902  für  472  erwerbsunfähige  venerische  Mitglieder
gegen  25  768  Mark.  Die  Kosten  für  die  ärztliche  Behandlung  und
die.Medikamente  der  Erwerbsunfähigen,  die  daheim  und  nicht  im
Hospital  behandelt  wurden,  sind  in  dieser  Summe  nicht  einbegriffen,
ebenso  die  riesigen  Summen  nicht  für  die  geschlechtskranken  1679
Männer  und  205  Frauen,  die  von  der  Krankenkasse  nur  freie  ärztliche ­
  Behandlung  und  unentgeltliche  Medikamente  erhielten.  In
welchem  Umfange  schon  heute  die  Krankenkassen  die  Kriegskosten  im
Kampfe  gegen  die  Geschlechtskrankheiten  tragen,  dafür  spricht  sehr
eindringlich  die  Tatsache,  daß  im  Jahre  1899  8355  Männer  und
2137  Frauen,  das  heißt  55,04  Prozent  aller  in  den  preußischen  allgemeinen ­
  Heilstätten  verpflegten  venerischen  Männer  und  ferner
14,83  Prozent  der  dort  behandelten  venerischen  Frauen,  auf
Kosten  der  deutschen  Krankenkassen  behandelt  wurden.  Gewiß,  der
preußische  Staat  und  die  preußischen  Gemeinden  verpflegten  im
Jahre  1899  zirka  10  847  venerische  Frauen,  darunter  5253
Prostituierte  in  den  Heilanstalten;  aber  die  Krankenkassen  brauchten
ihre  Tätigkeit  wirklich  nicht  mehr  beträchtlich  auszudehnen,  um  zu
den  von  ihnen  behandelten  8355  Männern  und  2137  Frauen  noch
5253  Prostituierte  zu  reihen.  Uebcrdies  verpflegten  ja  die  Krankenkassen ­
  nur  kleine  Prozentsätze  ihrer  venerischen  Kranken  in  den
Hospitälern.  Zahlreiche  Kranke  wurden  in  ihrer  eigenen  Häuslichkeit ­
  von  den  Krankenkassen  behandelt.  Mehr  als  drei  Viertel
aller  von  den  Kassen  unterstützten  venerischen  Kranken  erhalten  nur
freie  ärztliche  Behandlung  und  freie  Medikamente.
Es  fügt  sich  dem  engen  Rahmen  der  heutigen  Krankenversicherung
noch  bequeni  die  Zwangsversicherung  ganzer  Kategorien  von  Mädchen
und  Frauen  an,  die  durch  ihren  Beruf  und  ihre  soziale  Stellung  im
hohen  Grade  den  Geschlechtskrankheiten  Vorschub  leisten:  die
Choristinnen,  Altistinnen,  Tänzerinnen-  Die  Leistungen  dieser
„Künstlerinnen"  sind  meist  rein  gewerblichen  Charakters,  und  diese
Künstlerinnen  sollten  daher  durchweg  sür  versicherungspflichtige
gewerbliche  Arbeiterinnen  erklärt  werden.  Ohne  wesentliche
Aenderungen  des  Wesens  und  der  Struktur  der  Krankenversicherung
lassen  sich  ihr  die  Dienstboten  eingliedern,  die  heute  relativ  häufig
venerisch  infiziert  werden.  Gab  es  doch  unter  den  14  405  in  den
preußischen  allgemeinen  Heilanstalten  behandelten  venerischen
Frauen  2504  Dienstmädchen!
Die  deutsche  Krankenversicherung  breitet  nun  ihre  schützenden
Fittige  nicht  über  alle  Bevölkerungsklassen,  die  unter  den  schmerzhaften ­
  Geißelhieben  der  Geschlechtskrankheiten  zu  leiden  haben.
Zahlreiche,  nur  vorübergehend  beschäftigte,  unständige  Arbeiter,
Studenten  —  und  die  sich  ausschließlich  der  Prostitution  ergebenden
Mädchen  und  Frauen  fallen  völlig  aus  der  Krankenversicherung  her-
            
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